„Wir sollten nicht so viel allein sein mit dem, was wir mögen“

Für den Hi-Fi-Händler Stefan Brück ist Musik vor allem Gemeinschaftserlebnis – sein Kölner Ladenlokal ist ein Ort der Begegnung

Der persönliche Austausch ist für Stefan Brück das Wichtigste. Das wird deutlich, als sich das Gespräch mit ihm über seine Vinylliebe zum dritten Mal um eine halbe Stunde verzögert, weil ein Kunde das High-Fi-Geschäft in der Kölner Südstadt betritt, herzlich mit Namen begrüßt wird und sich anschließend ein ausführlicher Plausch entspinnt. Es geht um gemeinsame Hobbies, den Werdegang der Kinder, den Erfahrungsaustausch zu neuesten High-End-Komponenten und die Reparatur alter Schätzchen. Ein betagter Herr betritt das Ladenlokal und berichtet davon, wie er 1963 Bill Haley in der Grugahalle erlebt hat und ihn das zum Musikhören brachte. Später, als Brück kurz im Keller verschwindet, um Kaffee vorzubereiten, nimmt mich sofort ein Stammgast unter die Fittiche und führt mich detailgenau in die Funktionsweise des Nottingham Spacedecks ein. „So ein Laden ist ja vor allem ein Gesprächsort“, sagt Brück, als wir schließlich Ruhe für einen Plausch finden. „Die Leute lernen sich hier kennen, tauschen sich aus und kommen immer wieder, weil sie hier Gleichgesinnte treffen.“

In einem früheren Leben war der geborene Kölner viele Jahre in der Wirtschaft tätig, zuletzt als Niederlassungsleiter eines amerikanischen Elektrotechnikkonzerns. Zunehmend aber fühlte er sich gestresst von dem Angestelltendasein und verbrachte seine Freizeit damit, liebevoll alte Thorens-Schallplattenspieler zu restaurieren. Irgendwann fasste er den Entschluss, seine Festanstellung zu schmeißen und sich selbstständig zu machen. Seit eineinhalb Jahren betreibt er nun seinen Laden „highfidelityköln“ – benannt selbstverständlich nach dem Roman von Nick Hornby. Die angebotene Auswahl an Marken und Geräten ist bewusst klein gewählt. Vielleicht zwei Handvoll handgefertigte, hochwertige Schallplattenspieler und Lautsprecher stehen zum Verkauf, manche davon in schwindelerregenden Preisklassen. Dazu ein paar ausgewählte Schallplatten: John Coltrane, Tom Waits und natürlich sein Lieblingsalbum: Pink Floyds „The Wall“. Brück schätzt die Begrenzung. Schönheit und Hochwertigkeit sind für ihn wichtig.

Das war schon als Jugendlicher so. Angefangen hat alles damit, dass ihn sein Vater, ein glühender Duke Ellington Fan, zu Konzerten internationaler Jazzgrößen in das Kölner „Subway“ mitnahm. Die heimische Jazz-Sammlung wurde so zu einem Ort für besonderen musikalische Entdeckungen. Später entwickelte sich eine andauernde Leidenschaft für Soul, Funk, Latin und Elektronik. Mit Begeisterung erzählt er davon, wie er in dem heute vergessenen Szeneladen „Revolution“ auf der rechten Rheinseite die Anfänge der House-Musik in Deutschland miterleben konnte. Ganze Samstage verbringt er damals auf der Suche nach schwarzem Gold im alten „Saturn“ am Kölner Hansaring, wo sich die Vinylscheiben über mehrere Stockwerke verteilen. 

Probehören ist hier nicht möglich, stattdessen existiert ein elaboriertes Karteikartensystem, mit dessen Hilfe man sich Schallplatten aus den lange Regalreihen heraussuchen kann. Man muss auf Risiko kaufen, immer auf der Suche nach Besonderheiten, immer weit über das jugendliche Budget hinaus. „Weil der Titel spannend klang oder das Cover toll aussah oder weil ich mit einer besonders raren Maxi hoffte, ein Mädel zu beeindrucken“, sagt Brück lachend. „Natürlich waren da auch einige Fehlgriffe dabei, aber die Volltreffer wurden dadurch noch wertvoller.“

Aus dieser Zeit stammt seine Liebe zu Vinylschallplatten. Und die Überzeugung, dass eine bewusste Begrenzung der Anzahl dazu führt, die einzelnen Tonträger stärker wertzuschätzen. Vor ein paar Jahren hat er, als ein Umzug anstand, seine gesamte private Vinyl-Sammlung innerhalb von zwei Stunden halbiert. Auch, weil ihm auffiel, dass er Alben doppelt gekauft und den Überblick verloren hatte. „Ich möchte einfach nicht in einer mit Vinylplatten überfrachteten Wohnung sitzen und von der Auswahl überfordert sein“ sagt er. Dazu passt, dass er auch keine Freude darin findet, fünfzehn unterschiedliche Pressungen der selben LP testzuhören, bloß um den besten Klang zu finden. All das ist ihm zu zeitaufwendig und führt zu unnötiger Belastung. „Jede Form von überwältigender Menge erzeugt doch nur Stress“, sagt er entschieden und erklärt: „Vinylschallplatten sind für mich dazu das absolute Gegenteil. Man muss sich Zeit nehmen, für die Musik und für sich selbst. Für die sorgsame Auswahl einer Platte, für den Moment des behutsamen Auflegens, für das bewusste Anhören.“ Der alltagspsychologische Gedanke der Achtsamkeit – für sich selbst und die Welt um sich herum – spielt für den Vinylliebhaber eine prägende Rolle.

Dabei ist ihm der finanzielle Wert einer Platte gleichgültig. Wichtig ist, welche Gefühle, Erinnerungen, Gesprächsanlässe sie auslöst. Von Zeit zu Zeit führt dies jedoch zu einem Widerspruch zwischen dem professionellen und dem privaten Ich. Als Verkäufer berät er seine Kunden auf der Suche nach dem perfekten Klang. „Und zuhause höre ich dann eine alte, verknisterte und rauschende Platte, weil eben gerade diese Scheibe etwas mit mir macht“, verrät er amüsiert. Aber auch dieser Widerspruch kann ja wieder Anlass für ein Gespräch mit dem nächsten Kunden werden. Letztlich nämlich versteht Brück sein kleines Geschäft auch als Bastion gegen die individualistische Vereinzelung der Musikhörer heutzutage. MP3s, die gegenwärtig angesagten ‚Silent-Discos‘ und vor allem Kopfhörer, die er selbstverständlich nicht verkauft, sind ihm ein Graus. „Musik ist doch ein Gemeinschaftserlebnis“, sagt er noch schnell, als die Eingangsglocke bereits einen neuen ausführlichen Plausch ankündigt. „Ich finde ja grundsätzlich, dass wir nicht so viel allein sein sollten mit dem, was wir mögen.“

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