„Was war deine erste mp3?“ – Unterwegs mit Mathias Gordon von recordsale

Von der privaten Plattensammlung zum größten Online-Versandhandel Deutschlands

Es ist die Standard-Frage, die man einem Sammler, speziell von Schallplatten, oft zu Beginn im Gespräch stellt: Was war deine erste Platte? Auch Mathias Gordon, Gründer von recordsale.de, dem größten Online-Versandhandel für Vinyl, weiß das – natürlich – aus dem Effeff. Wie sich das für einen Plattenhändler und -liebhaber gehört inklusive Erscheinungsjahr und genauer Beschreibung der grafischen Besonderheiten des Covers. Es ist aber nicht die Antwort auf meine Frage, sondern seine Gegenfrage, die mehr über die Liebe zu Vinyl verrät.

Wir stehen gerade im riesigen recordsale-Lager in Berlin und sprechen über die Digitalisierung des Lebens und dem daraus resultierenden Retro-Trend, als Mathias mich, nicht ohne Ironie und eher rhetorisch, fragt: „Was war deine erste mp3?“ Ich überlege kurz und intensiv, aber natürlich weiß ich nicht mehr, was meine erste mp3-Datei war, welches Album ich Anfang der 00er Jahre erstmals digitalisierte oder wann ich das erste Mal ein Lied bei iTunes gekauft habe; genauso wenig wie Mathias. Wir als Menschen sind Sammler, haben aber noch immer eine besondere Verbindung zum Haptischen. Kann man zu etwas, das physisch nicht greifbar ist, überhaupt eine Verbindung haben? Erinnert man sich an den besonderen Zeitpunkt, als man ein Lied in die Spotify-Playlist kopierte? Und gibt es Menschen, die in ihren Ordnern voller Musikdateien auf der alten Festplatte stöbern und sich an die besondere Geschichte erinnern, als sie das Album aus dem Internet geladen haben? „Viele merken, dass sie sich ihrer Geschichte beraubt haben. Geschichte braucht Objekte.“, meint Mathias.

Wie die Schallplattenindustrie vom Retro-Trend profitiert

Besonders die Generation, die in den 1980er Jahren geboren ist, jene also, die analog aufgewachsen und digital erwachsen geworden sind, sind für den „Retro-Trend“, die Rückbesinnung aufs Analoge, verantwortlich. Vielleicht vermissen sie die Ruhe im permanenten digitalen Hintergrundrauschen, vielleicht merken sie, dass früher doch einiges besser war und wenn sie nicht schon immer Platten gesammelt haben, dann tun sie es jetzt zum ersten Mal – Stichwort Qualität statt Quantität, Entschleunigung statt Burn-Out. Von diesem Trend profitiert vor allem die Schallplattenindustrie und das merkt auch Mathias: „Wir haben ständig Bewerbungen auf dem Tisch zu liegen von Leuten, die uns bei der Archivierung der Platten helfen wollen. Die haben richtig Freude daran, die alten Platten in den Händen zu halten und herauszufinden, ob das jetzt die Originalpressung von 1968 oder die Nachpressung von 1972 ist.“

Im Lager von recordsale, das ungefähr die Größe der Berliner Staatsbibliothek hat, stehen derzeit über 700.000 Platten, nochmal genauso viele sind noch unkatalogisiert. Jeden Tag werden circa 1000 Platten im Archiv gesucht, verpackt und in die ganze Welt geschickt. Bei so einem großen Unternehmen wie recordsale ist man geneigt zu vermuten, dass die Platten hier ähnlich wie bei Versandhandelsriesen wie Amazon von Robotersystemen sortiert und für den Versand wieder rausgesucht werden. Aber hier geschieht noch alles per Hand, klar. Um die Suche etwas interessanter zu gestalten – nach Nummern und von A bis Z kann ja jeder –, werden die Platten im recordsale-Archiv mit einem Lagercode geografisch nach Städten, Flüssen und Ländern sortiert. Von A wie Amazonien bis Z wie Zarate. Eine sprichwörtliche Reise durch die Welt und die der Musik. Dabei landen die einzelnen Platten nicht unbedingt im Herkunftsland des Künstlers, was das Stöbern im Archiv nur umso interessanter macht. „Der Musiklehrer meines Sohnes hat mich mal gefragt, ob ich auf dem Weg nach Hause nicht mal eine Platte suchen könne, er würde sie gern nächsten Tag in der Klasse vorspielen. Aber schau’ dich um, das ist nicht möglich. Ich würde die Platten nie mal eben so ohne Lagercode finden. Vielleicht nach zwei oder drei Tagen Suche.“, sagt Mathias lachend.

Von deutschen Chanson aus den 40ern bis zu Hip Hop aus den 80er Jahren

Beim Stöbern finden wir dann aber doch ziemlich viele Platten, zufällig ausgewählt, zu denen Mathias eine Story parat hat. Deutsche Chansons aus den 1940er Jahren, psychedelische Musik von Lord Sitar aus den 1960er Jahren, all die herrlich absurden Cover von Rockbands aus den 80ern. Vielleicht ist auch noch immer die eine oder andere Schallplatte dabei, mit der Mathias 2003 recordsale gründete (übrigens aus einer Laune heraus auf seinem Balkon). Die ersten Platten verkaufte er nämlich aus seiner eigenen Sammlung, die ihm in der eigenen Wohnung irgendwann über den Kopf wuchs. Erst wurde in verschiedenste Keller ausgelagert, dann kamen ein, zwei Plattenläden dazu, darunter das bekannte Leila M. im Babylon Kino, das Mathias 2015 schließen musste.

Online lässt sich aber auch gut Platten verkaufen, vielleicht sogar besser als in einem Plattenladen, denn das Retroliebende Publikum ist noch immer ein digital affines. Seit 2003 wächst der Bestand von recordsale kontinuierlich. Mathias startete mit 200 Platten, nach gut eineinhalb Jahren hatte er die 10.000 geknackt. Das Wachstum liegt jährlich bei circa 20 Prozent und es ist keine Ende in Sicht. Bei recordsale findet man Neuerscheinungen genauso wie Raritäten und verschiedenste Pressungen des gleichen Albums. „Du kannst auch mit deiner Hip-Hop-Sammlung aus den 80er Jahren zu uns kommen, die kaufen wir dir vielleicht ab, wenn sie interessant genug ist.“, sagt Mathias. „Und wie sieht’s mit meiner Klassik-Sammlung von Oma aus?“, frage ich zurück. Mathias lacht. „Wenn du gern weggeschickt werden willst. Wenn deine Oma Dirigentin an der Philharmonie gewesen ist, dann könnte da vielleicht was Interessantes dabei sein, spezielle Aufnahmen, die herausragend sind. Es gibt die Allerweltssammlung mit dem Pflichtprogramm des bürgerlichen Kulturkanons, Allerweltsaufnahmen, die du auch auf dem Flohmarkt für einen Euro bekommst. Das interessiert uns einfach nicht.“ Auf der Website von recordsale steht dann auch unter der Überschrift „Welche Schallplatten wir nicht ankaufen“: Schlager der 70er und 80er, Hits-Sampler der 70er und 80er, Klassik der letzten 30 Jahre. Das ist ein bisschen gemein, vor allem aber auch sympathisch.

Trotz der schieren Menge an Platten, die hier angeboten werden, setzt recordsale auf Qualität, nicht nur musikalisch, sondern auch was den Zustand der Platten und Hüllen betrifft. Jede einzelne Gebrauchsspur, jeder Knick oder fehlendes Inner Sleeve wird vermerkt und online aufgeführt. Bei recordsale weiß man, was man bekommt, und genau deshalb ist das Unternehmen so erfolgreich. Hier sind Menschen am Werk, die ihre Sache genauso lieben wie ihre Kunden. „Es war mir immer wichtig, dass wir gute Platten haben. Wenn ich gute Schallplatten hab, hab ich auch gute Kunden.“, sagt Mathias.

Seine allererste Platte war übrigens Boney M, „aber nicht Daddy Cool, wie mal ein Fernsehbeitrag behauptete, sondern die Platte mit dem ausgeschnittenen goldenem M.“

www.recordsale.de

Sags deinen Freunden:

Send this to a friend