Vinyl statt Pinguine

Auf dem Vinylflohmarkt der Basler Markthalle werden nicht nur Platten, sondern auch Kontakte und Ideen ausgetauscht. Er bringt damit in die Halle zurück, was Märkte einst waren: Räume voller Gewusel und Sinnlichkeit, in denen man mit Freunden und Fremden zusammenkommt.

Obwohl man von Draußen in einen geschlossenen Raum kommt, scheint sich die Welt zu öffnen, wenn man die Basler Markthalle mit ihrer immensen Betonkuppel betritt. Zugleich schlägt einem der Dunst aus den Garküchen entgegen, die hier Speisen aus Äthiopien, Thailand, Südafrika und Ungarn anbieten. Heute ist der hohe Raum besonders belebt. Es ist Nachtflohmarkt. Die Lichtgirlanden laden ein, sich entlang ihrer Verläufe einen Weg durch die Stände zu bahnen. Ich schlage die rechte Flanke ein, denn ich will zum Vinyl Special des Nachtflohmarktes, das heute im „Wohnzimmer“ der Markthalle stattfindet. Vorbei an den Ständen am Hallenrand, die neben vielen Vintagekleidern auch alte Leuchtreklamen und Plakate, abgewetzte Zigarren- und Biskuitdosen, silberne Turnschuhe mit Engelsflügeln und Geschirr anbieten.

Schon vor dem Wohnzimmer häufen sich jene Händler, die neben den üblichen Flohmarktabsonderlichkeiten auch einige Platten dabei haben. Beim Betreten des Seitenraumes eröffnet sich nochmals eine ganz andere Atmosphäre: Die Anordnung der Stände ist hier übersichtlicher. Die Kisten voller Singles und LPs bieten ein geordnetes Bild. Der Raum hat normale Zimmerhöhe und ist viel heller durchleuchtet als die große Halle – der Blick in die schmale Lücke, die sich beim Blättern in den Kisten zwischen zwei Scheiben auftut, braucht viel Licht.

Auch die Körperhaltungen der Stöbernden unterscheiden sich von jenen in der großen Halle. Gerader Rücken, leicht nach vorne gebeugter Hals, die Arme über den Platten und die Finger stets in Bewegung. Konzentriertes Suchen statt Herumschlendern. Dennoch wirkt der Raum lebendig. Denn jedes Plattencover verführt in seine je eigene Welt. Ich blicke auf ein lachendes Gesicht, darüber ein rosaroter Schriftzug. Bevor ich diesen entziffere, erheischt ein Sonnenuntergang meine Aufmerksamkeit, in dem sich ein Cadillac verliert. Die Zeichnung eines Hauses im Schnee. Die Doors in bekannter Pose. Dann nochmal eines. Nochmal eines. Nochmal eines. Und über den bunten Bildern die konzertierten Gesichter. Kurz verliere ich mich in der Vielheit der hier versammelten Welten, denen ich mich nicht einzeln widmen kann. Ich erhebe meinen Blick über die Bauchhöhe, auf der sich die Kisten mit den Platten befinden. Hinter einem Tisch steht ein Typ mit einer braunen Mütze und offen getragener Kapuzenjacke. Die Händlerinnen und Händler bringen Ordnung in die Vielheit. Über ihre Kleidung – teilweise bunter, teilweise eintönig schwarz – und ihr Auftreten, lassen sich die von ihnen angebotenen Platten schon aus der Distanz spezifischen Musikstilen zuordnen. Ich stelle mich zu dem Typen mit dem schwarzen Rollkragenpullover.

Die Markthalle Basel war mit einem Durchmesser von 60 Metern und fast 30 Meter Höhe zur Zeit ihrer Eröffnung der drittgrößte Massivkuppelbau. Von 1929 bis 2004 wurde sie als Großmarkt genutzt. Danach war sie zwischenzeitlich als Indoor-Citybeach mit Sand, Pool und Menschen gefüllt, die sich auf Ibiza wähnten. Später hätte sie zur neuen Heimat der Pinguine aus dem Basler Zoo werden sollen. Soweit kam es nicht; seit 2013 wird sie wieder als Markt belebt. Die kleinen Garküchen in der Mitte der Halle bilden die permanente Infrastruktur. Um diese Stände herum werden unterschiedliche Märkte organisiert. „Markt heißt nicht nur Shopping. Märkte sind Begegnungsorte, bei denen verschiedenste Leute mitmachen,“ erklärt Christophe Schneider das Konzept. Es gehe um Beteiligung, einen Ort kreieren, wo sich das Unterschiedliche, das die Stadt ausmacht, begegnet. „Flohmärkte passen da natürlich perfekt, weil da alle was verkaufen können. Das sind meist keine professionellen Händler.“

Schneider leitet den Bereich Flohmärkte in der Markthalle. Im Wohnzimmer organisiert er auch immer wieder Konzerte. „Bei den Nachtflohmärkten ist dieses Mitmach-Ding noch stärker als am Tag. Das Publikum ist viel jünger. Und das Vinyl Special ist wiederum besonders. Denn hier haben wir relativ viele professionelle Händler. Die sind aber alle sehr für die Sache begeistert und kennen einander. Auch all die Sammler und DJs, die zum Einkaufen kommen, kennen sie. Das ist eine Szene.“ Die familiäre Stimmung sei wichtig. Deshalb ging man es bei der Lancierung des Vinyl Specials langsam an: „Wenn Du schon beim ersten Mal 40 Händler einlädst, dann wird das nie familiär. Wir haben klein angefangen, mit acht Händlern. Mittlerweile sind es um die 20. Du musst die Stammgäste halten und neue gewinnen, sonst wird’s langweilig.“

Ich habe mich inzwischen an die kleine Bar aus Holz gestellt. Einer der Verkäufer kommt zu uns und klopft dem Typen neben mir auf die Schulter: „Karl, hast Du noch was gefunden?“ – „Fünf im Ganzen. Die hatte ich alle auf meiner Liste. Alles richtige Schnäppchen.“  Zwischen zwei Ständen bildet ein Tisch ein DJ-Pult. Der DJ lacht zu uns herüber. Er ist am Tanzen. Bläser setzen ein, sie überzeichnen die Off-Beat-Rhythmen mit einer eingängigen Melodie. Durch die Türe neben der Bar verlässt immer mal wieder jemand den Raum. In den Händen eine quadratisch ausgebeulte Plastiktüte. Schön, wie sich die alte Markthalle und das aus der Zeit gefallene Vinyl hier gegenseitig beleben, sodass heute nicht die Pinguine des Zoos, sondern die Vinylsammelnden zufrieden durchs Gehege watscheln.

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