Tiefbohrungen außerhalb der westlichen Sphäre

Der Plattensammler Thiemo Jares schaut dahin, wo kaum einer hinschaut. Und findet schwarzes Gold.

Alles begann damit, dass sein Vater sich von seinem beinah 40 Jahre alten Dual-Plattenspieler und seiner Plattensammlung getrennt hat. Thiemo Jares nahm beides und nun sammelt er seit etwa elf Jahren Schallplatten. Wer die Wohnung des Kölners betritt, läuft nicht an hundert Regalmetern voller Vinyl vorbei. Die Masse hat Thiemo nie interessiert. Ihm geht es auch nicht um den finanziellen Wert oder die pure Seltenheit einer LP, sondern um ganz speziell umgrenzte Interessen, denen er intuitiv folgt. Am Anfang stand das Erbe des Vaters, in dem sich Alben  der Beatles und Pink Floyd befanden – Bands, die Thiemo bis heute gern hört. Aber egal welchem Genre er folgt, er nimmt das Populärer als Sprungbrett, um dort zu landen, wo nur wenige hinschauen. Das sei schon in den 1990ern mit dem Grunge so gewesen, erzählt er. Er suchte die Vorläufer von Nirvana und den anderen, die frühe Musikszene in Seattle und deren Platten.

Die frühen, experimentierfreudigen Alben von Pink Floyd machten ihn zum Sammler abseitiger psychedelic music, und die frühen Kraftwerk-LPs führten zur avantgardistischen Elektromusic. Von Künstlern wie Flying Lotus fand er zum Jazz, aber auch wenn er Miles Davis und andere Klassiker schätzt, so schweift sein Blick heute vor allem in den Orient oder nach Asien. Thiemo interessiert sich für das, was jenseits der westlichen Sphäre geschieht und so wird jeder Urlaub zur Suche nach neuen LPs. »Ich habe immer eine Single dabei, um die Sprachbarriere zu überwinden«, erzählt er. Es ist eben in Thailand, China, Malaysia, Marokko, Indien, der Türkei oder Israel nicht immer ganz einfach dem Gegenüber klar zu machen, dass er Schallplatten sucht.

Für sein Interesse erntet er dort oft nur unverständliche Blicke, ein Hype ist Vinyl nur im reichen Westen – in anderen Kulturräumen gilt es gegenwärtig noch als hoffnungslos veraltetet. Aber natürlich wird er fündig, in Kellern, skurrilen Shops und auf Märkten. Eine LP von Manu Dibango hat er einmal 2000 km durch Indien im Rucksack getragen, bevor sie sich auf dem heimischen Plattenteller drehte. Seine Welt ordnet sich auch nach Plattenlabels, zu deren Betreibern er gern Kontakt aufnimmt und wie zum Beispiel in Israel die Leute von Fortuna Records persönlich besucht. Das kleine Label legt den israelischen Jazz der frühen 1970er-Jahre wieder auf, mit einer avancierten Covergestaltung und viel historischem Gespür.

Spirituelle Einschläge in die Musik sind eine von Thiemos Interessen. Er zeigt mir eine ganze Reihe von LPs des Schwann-Labels, das in der Zeit, in der jeder bei »Düsseldorf« nur an das Kling-Klang-Studio von Kraftwerk denkt, Jazz, Beat- und Folkmusik für den Gottesdienst auf Vinyl gepresst hat. Was in dieser Sammlung zwischen Classic- und Psychedelic-Rock, ethnologischer Musik und Jazz, Avantgarde-Elektronik und christlichem Pop ins Regal findet, ist garantiert etwas sehr besonderes. Es ist nicht unerschwinglich und wird nicht erjagt, weil es selten ist. »Ich höre gern gute, ungewöhnliche Musik«, sagt der zurückhaltende Mann, der für 800 Euro lieber in Urlaub fährt als sie für eine LP auszugeben. Was er in diesen Urlauben tut, erklärt sich von selbst.

www.fortuna-records.com

Zum Abschluss noch ein Mixtape aus den im Text genannten Titeln.

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