THE SHAPE OF PUNK TO COME

Black Flag Tattoo, Rick Rubins Weiterentwicklung der Misfits und LA in den frühen 1980er. Christian Schneider erfindet amerikanischen Hardcore als Podcast neu.

Mit einem Bier in der Hand öffnet Christan Schneider, der Mann hinter dem legendären Podcast Aethervox Ehrenfeld, die Tür zu seinem Loft. Ein Fahrrad lehnt an der Wand, Dr. Martens Schuhe stehen gereiht unter zwanzig schwarzen Jacken. Dieser Kerl und seine Welt lassen sich am besten mit einem Begriff beschreiben, den er selbst über alles liebt: Cool! Etwa tausend LPs stehen sortiert an der Kopfseite der 110 Quadratmeter-Wohnung, die aus einem Raum besteht und kaum Fenster hat. Plakate von Hardcorelegenden der amerikanischen Westküste; Wut und Teenage-Angst. »Texte sind mir wichtig, ich kann keine Musik hören, ohne auf die Geschichten zu achten«, erzählt er uns – und es sind Stories aus einer Zeit, in der Hardcore noch die Protestmusik von Soziopathen und Außenseitern ist. Punk beginnt für ihn bei Hank Williams und Johnny Cash, er ist eine Haltung, gelebte Unabhängigkeit. Aber schon Anfang der 1980er Jahre wird aus Punk die Musik von »Sozialisten« – für einen Liberalen wie Christian fatale Entwicklung. Freiheit ist sein höchster Wert, die persönliche Freiheit des Einzelnen. Die USA liefern dazu eine Historie, die Christian in den Genen haben muss. Er wirkt wie eins der Kids aus LA, die in der Garage der Eltern ohne ein Instrument beherrschen zu können den krach gemacht haben aus der eine ganze Musikrichtung entstand. Er wird bald 40, und das hält er für uralt. Das man überhaupt noch lebt scheint er ein Irrtum zu sein. Um dennoch würdig zu altern hat er die Zeit, in der er mit seiner Band vier Platten aufgenommen hat, hinter sich gelassen. »Der Podcast ist jetzt meine Band.«, sagte er – und dieser Podcast ist Hardcore.

Immer wieder hat er auch Musiker zu Gast, zum Beispiel den Kopf von Drangsal, mit dem er dann zwei Stunden über was-auch-immer spricht. Es ist ein wildes Format, dass einem im Aethervox Ehrenfeld begegnet, das in keine – in gar keine! – Schublade passt. Seine Zügellosigkeit verwandelt selbst seine Punkfreunde in Teilzeitfeinde, wenn er zu sehr den Kapitalismus feiert. In der FDP mag man zwar liberal sein, aber einen Hardcoretypen wie Christian kann man sich dennoch auf deren Treffen überhaupt nicht vorstellen. In seinem Podcast wird geredet, er redet vor allem über sich, aber eben anders als in den bekannten Medienformaten. Genug Geld verdient er damit noch nicht; er finanziert sich mit Stadtführungen für Amerikaner durch Köln und als Grafik- und Webdesigner für verschiedenen Auftraggeber. Seit er Brotjobs hat, kann er mehr LPs kaufen.

Es nervt Christian, dass die Leute nicht selbst denken, dass sie mitschwimmen, dass sie ungefährliche und immer die gleichen Meinungen vertreten. Er nötigt keinem seine Meinung auf, aber er will, dass sich die Leute bewegen. »Es ist nicht genug, wenn man keinem im Weg rumstehen will, das ist lediglich das absolut Mindeste!« Damit schaut er vor allem auf sein eigenes Milieu, das angepasste rot-grüne Umfeld von Hipstern, Hippies und auch sonst durchweg sympathischen Leuten. Einladen tut er aber auch Unterschichten-Ikonen, Prostituierte, eigentlich alle, denen er das Label cool aufklebt, alle, die er zumindest potentiell cool findet. Es geht immer um ihn, er würde nie etwas anderes behaupten. Es ist eine ansteckende Selbstbezogenheit, über die man lachen muss – und dann doch nachdenken. Er strahlt Energie aus, er verteilt sie. Aber das alle alles gleich sehen, das nervt ihn und oft redet er sich in Rage und manchmal um Kopf und Kragen. Es ist sicher eines der Medienformate, die viele Menschen lieben, sich aber kaum trauen, sich offen dazu zu bekennen. Das schreiben ihm die Leute, das bemerkt man an den Kommentaren. In vielen Punkten hat er »eigentlich« Recht – aber so etwas sagt man nicht! Diese Ansicht hat man nicht! In political correctness ist er immer schlecht gewesen.

Hardcore. Er legt Agent Orange auf, einer seiner all time favorites; dann die Misfits; die Musikanlage rumpelt, hat einen Wackelkontakt. »Ich höre nur 5% meiner Musik von LP, aber ich will die LPs unbedingt haben«, er ist ein Vinyl-Freak, der selten Platten hört. Dennoch würde er, wenn es hier brennt, zuerst seine Sammlung retten. »Vinyl ist das einzige, was bleiben wird.«, es gibt also eine romantische Ader, er liebt seine Platten. Lästern über Hipster, über die Babies tragenden alternativen Papas, über Menschen die an roten Ampeln warten, lästern über Typen auf Liegerädern oder Männer, die an der Supermarktkasse einen Fahrradhelm tragen – über vieles an der Hipsterkultur regt er sich auf – außer über den Vinyl-Hype. Es ist für ihn auch gar kein Hype, er hat immer Platten gesammelt, er ist seltenen Alben von Posh Boy Records und Dangerhouse nachgejagt, früher reichte das Geld nicht. Aber seit er berufstätig ist, komplettiert er seine Sammlung. Die sei sein Tagebuch, seine Biographie. Die Plattensammlung wird ihn überleben. Und diese Hardcore-Sammlung ist, wie sein Podcast, wie dieses Gesamtkunstwerk Christian Schneider, vor allem eins: cool.

Der Podcast Aethervox Ehrenfeld: http://xsxm.de/

Fünf Alben für seine Wiedergeburt in LA:

Agent Orange: Living in Darkness
Adolescents: selftitled
TSOL: Dance With Me
Circle Jerks: Group Sex
Channel 3: Fear of Life

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