Nahaufnahme Hände: Plattensammler Tom Best

The Best Of The Best

Der DJ und Sammler Tom Best mag die Spuren der Geschichte auf seinen Singles. In seiner Freude daran zeigt sich: Nicht nur die einzelne Scheibe, auch deren Seltenheit hat zwei Seiten.

„Faszinierend, welchen Weg eine Platte zurückgelegt hat, bis ich sie heute in meiner Hand halte.“ Tom Best sitzt auf einem orangen Sofa. Die Sonne scheint durch das offene Fenster der Altbauwohnung. Das Sofa, Toms hellgelbes Hemd und die Singles seiner Sammlung stammen aus derselben Phase der Popgeschichte. Vom Basler Rheinufer sind die Stimmen vergnügter Kinder zu hören. Als Tom aufsteht und zum Tisch rübergeht, meint er: „Ich nehme auch in Kauf, wenn die Singles zerkratzt sind. Ich lege sie trotzdem auf. Das ist ja das Schöne. Die Imperfektion, die Vinyl halt hat, gibt ihm eine Wärme. Am besten finde ich, wenn die Etiketten irgendwie beschrieben sind. Oder wenn etwas weggekratzt ist. Aus New Orleans findest du Platten mit Wasserschäden vom Hurricane Katrina. Diese Spuren der Geschichte gefallen mir.“

Auf dem Tisch stehen sechs Kisten mit 7inches. Gestern hat Tom im Renée aufgelegt und jetzt ist er dabei, die Platten wieder einzuordnen. „Schau, die hier, Coleslaw von Jesse Stone, 1951, voller Kratzer, aber immer noch gut spielbar. Lustigerweise hatte RCA ihre Singles am Anfang farblich kategorisiert. Heute ist es ja ein Gag, wenn eine Platte farbig ist. Damals war es eine Stilkennzeichnung. Rhythm & Blues, zu dieser Zeit noch eine junge Bezeichnung, war rot. Country/Western war grün. Und so weiter.“

In dem Haus, in dem Tom aufgewachsen ist, wohnte ein Musiker, der eine gigantische Sammlung an Rock- und Bluesplatten hatte. Mit zwölf Jahren war Tom von den Rolling Stones und Queen begeistert, lernte aber bald weitere Musikwelten kennen: „Immer, wenn ich auf einen neuen Namen gestoßen bin, zum Beispiel Neil Young, bin ich zu ihm runter: Hey, kennst Du Neil Young? Und er immer so: Ja, klar. Und dann gab er mir fünf, sechs Platten von ihm mit. Das war für mich der Hammer. Bald war klar: Ich will das auch.“ Die eigene Sammlung wuchs zögerlich. Im Dorf gab es keinen Plattenladen. In den Kleinstädten in der Umgebung gab es zwar welche, die verkauften aber nur noch ihre Restbestände, bevor sie dicht machten.

Schallplattensammler Tom Best

Der aktuelle Vinylhype freut ihn deshalb. Die Dinge werden wieder zugänglich. Zugleich betont Tom, dass er fast nur altes Zeug habe. Der Verlust an Seltenheit, der mit Reproduktionen einhergeht, hat für ihn zwei Seiten. „Reproduktionen von Singles, die es nur in Kleinauflagen gab, sind schon gut. Diese Sachen werden wieder aufgelegt. Ist ja toller Sound. Andererseits gibt es extrem viele DJs, die Rhythm & Blues und Soul spielen. Wenn sich die alle auf dem Reproduktionsmarkt bedienen, hast du schnell einen Kanon. Burnt Toast and Black Coffee von Mike Pedecin läuft dann auf jeder Party. Das finde ich langweilig. Wenn aber jemand ein Original auflegt, ist das ein erhebender Moment. Du weißt, jetzt läuft dieser Track und nur genau jetzt kann man ihn hören. Als DJ teilst du die Freude an diesem Moment mit dem Publikum. Ich habe zum Beispiel letztens auf einer Party eine der seltensten und teuersten Scheiben gebracht, die ich habe. Gecheckt, was jetzt läuft, hat fast niemand. Nur einer. Und der ist voll durchgedreht. Er strahlte mich an. Wir zwei hatten voll das Fest.“

Tom durchblättert die Kiste mit den Instrumentals: „The Chimpanzee Rock war das, von den Hula Hawaiians, eine Basler Band. Extrem gesucht das Ding und ich bin stolzer Besitzer einer EP von 1957, auf der der Song drauf ist. Das war eigentlich eine Hawaii-Band. Aber die sagten sich: Komm, wir machen mal was wie Bill Haley. Musikgeschichtlich extrem spannend. Da liest du im Netz auch die Kommentare von Rockabilly Fans aus den USA: Ein genialer Track und aus der Schweiz, wer hätte das gedacht?“ Er zieht den Schwarzen Mustang heraus, auf dem der Song drauf ist, und geht zum Plattenspieler.

Er habe diese EP aber nur, weil das eine unglaublich gute Nummer sei. Tom jagt keine Raritäten. Darum geht es ihm nicht. „Du bekommst heute über das Internet alles. Du brauchst nur das Geld und die Zeit. Was mich fasziniert, sind Entdeckungen. Das müssen keine Raritäten sein, sondern Tunes, die überraschen. Oder Elemente in Tunes, bei denen du sagen musst: Das ist ja spannend.“ Vor den sechs Kisten auf dem Tisch liegt ein kleiner Stapel Singles. Die hat er vor zwei Wochen in Ljubljana auf einem Flohmarkt gekauft. „Auch so Entdeckungen. Alter jugoslawischer Rock’n’Roll. Ich nehme an, das ist Serbo-kroatisch. Ich habe die auf Risiko gekauft, konnte sie ja da nicht anhören. Aber es ist super. Die bringe ich das nächste Mal mit den Raunchys.“

Tom tritt einmal im Monat mit neun anderen DJs als Raunchy Rawhide Chicken im Sääli auf, mit zwei dieser Truppe auch regelmäßig an anderen Orten, alleine kaum noch. „Es geht mir nicht darum, zu zeigen, was für ein geiler Typ ich bin, weil ich jetzt diese Scheibe habe und die anderen nicht. Das war nie die Idee. Wir sind einfach zehn Sammler und DJs. Wir wollen unsere Entdeckungen teilen. Unsere Begeisterung überträgt sich so auch auf das Publikum.“

Als der Chimpanzee Rock ausklingt, meint Tom, er habe zum Beispiel auch sowas wie Thurston Harrys’ Little Bitty Pretty One. Keine Rarität, vielmehr ein Hit. „Ich finde den so cool, der hat so einen schönen Groove.“ Kurz nachdem sich die Nadel gesenkt hat, setzen die Drums ein. Tom beginnt, mit den Fingern zu schnippen.

Auf Rhythm & Blues, Rock’n’Roll und Soul kam Tom, als ihm klar wurde, woher all die Bands, die er über die Plattensammlung seines Nachbars kennengelernt hatte, ihre Ideen haben. Sein Wunsch, die eigene Sammlung zu präsentieren, kam dann auf einer 50s-Party. Dort spielten eine Indie-Band und ein DJ, der lediglich drei Songs aus den 50ern dabei hatte. Das kann ich besser, dachte er.

Zu Beginn hatte er beim Auflegen das Gefühl, er müsse bekannte und unbekannte Songs mischen, um das Publikum mitzunehmen. Bald wurde ihm klar, dass es auch ohne die Hits geht; es geht vor allem darum, einen Groove hinzubekommen. Dennoch legt er gelegentlich einen auf. Auch hier besteht für ihn ein Spannungsfeld: „Es gibt ja diesen Kanon der 50er, die Hits. Mit denen unterscheidest du dich als DJ nicht von Best-of-Rock’n’Roll-Compilations. Damit überraschst du niemanden. Wenn ich Runaway Sue oder The Wanderer von Dion spiele, dann finden das die Leute großartig. Aber das bringt auch das Schweizer Radio. Hey Publikum, es gibt noch anderes als den Wanderer, andere Stroller, die grad so grandios sind. Hin und wieder geschieht bei mir aber auch das Gegenteil: Manche Puristen sagen, Kommerzzeug gehe gar nicht. Für die ist alles schlecht, was bekannt ist. Gut ist nur, was eine Auflage von 300 Stück hatte. Davon sollen am besten 200 bei einem Feuer geschmolzen sein; also existieren nur noch hundert Platten und eine kostet irgendwie tausend Stutz. Auch da widerspreche ich: In diesem Garage- und Rockabilly-Bereich ist vieles nicht nur unbekannt, weil keine Produktionsfirma dahinter steckte. Sondern auch weil es ein wenig schrottig war. Hingegen ist Rock Around the Clock – einer der bekanntesten Rock’n’Roll-Songs – eine absolut geniale Nummer. Bei Bill Haley rümpfen schnell mal viele die Nase. Aber ich bringe den, um den Puristen zu zeigen: Das war zwar eine Riesenpromotionsmaschine, aber da waren auch begnadete Musiker am Werk.“

Heute legt Tom die Musik, in der er die historischen Spuren seiner Teenie-Idole erkennt, nicht nur auf, er spielt auch Schlagzeug in der Rockabilly Band Danny & the Two Toms. Gemeinsam treten sie zum Beispiel im Hula Club auf, wo jeden Dienstag Popgeschichte lebendig gemacht wird.

Zum Nachhören

Jesse Stone – Coleslaw

Hula Hawaiians – Chimpanzee Rock

Thurston Harris – Little Bitty Pretty One

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