Supermenschen und Papierschlüpfer

„Next time you’re afraid to share your ideas, remember someone once said in a label meeting ‚Let’s wrap a pair of paper panties around the vinyl in order to sell more records and piss the parents off‘“ Unkown Meme

Dieses „once“ war 1972, das Label „Warner Bros“ und der Mann mit dieser sinnbefreiten Idee war Shep Gordon, Manager der Alice Cooper Group, ehemaliger Drogendealer von Jimi Hendrix und zukünftiger Ex-Freund von Sharon Stone. Alice Cooper hatten gerade ihr viertes Album „Killer“ veröffentlicht, das auf Platz 21 der Billboard Charts gestrandet war. Ein erster Erfolg, aber für Shep Gordon noch lange nicht das angestrebte Ziel. Mit der neuen Platte „School’s Out“ sollte Alice endlich in den Rock Olymp aufsteigen und dazu mussten alle Register gezogen werden. Das Vinyl mit einem Schlüpfer einzuhüllen sollte möglichst die Eltern der Käufer aufregen und für einen kleinen Eklat sorgen.

Doch wie hatten es die Beteiligten überhaupt in diese Situation geschafft, in der sie solche Ideen einem der größten Labels in Amerika unterbreiten durften? Wann wurde die abgedrehte Erfolgsgeschichte der Alice Cooper Band zu einer Möglichkeit?

Als Shep in einer drogenvernebelten Nacht im Jahr 1968 im Innenhof des Landmark Motor Hotels in LA von Janis Joplin verprügelt wird? Als ihre Kunstlehrerin Mrs. Sloan dem damals noch als Vincent Damon Furnier bekannten Alice Cooper und seinem zukünftigen Bassisten Dennis Dunaway am Ende der Stunde eine Kopie von „The Freewheelin’ Bob Dylan“ überreicht und ihnen beibringt, was es bedeutet „eine Stimme“ zu haben in der Musik?

All das hatte mich nie interessiert. Die frühen Alben der Alice Cooper Band stehen zwar säuberlich aufgereiht in meinem Regal, aber ich war nie dermaßen Fan, dass ich mich mit der Band Geschichte auseinandersetzen wollte. Bis ich im vergangenen Jahr die Mike Myers Dokumentation „Supermensch“ gesehen habe. Die Lebensgeschichte Shep Gordons, dem bekanntesten Unbekannten der Musik- und Fernsehgeschichte. Die Dokumentation und die von Shep nachgelieferten Memoiren „They call me Supermensch“ starten beide mit der angesprochenen Szene im Landmark Hotel. Shep war von New York nach LA gezogen und hatte innerhalb eines Arbeitstages seinen Job verloren. Ohne viel Geld, dafür mit einem kleinen Vorrat an Gras und ein paar psychedelischen Drogen, nahm er sich ein Zimmer in dem heruntergekommenen Hotel und warf ein bisschen Acid ein. In der Nacht stand er zugedröhnt auf seinem Balkon und nahm wildes Schreien im Innenhof wahr. Ganz klar, da wurde jemand vergewaltigt. Er lief die Treppen herunter und versuchte die Frau aus ihrer Not zu befreien. Diese verpasste ihm allerdings direkt einen Schlag ins Gesicht. Ob er sie bitte in Ruhe lassen könne? – „We are fucking here!“

Am nächsten Tag ging er an den Pool. Dort sah er die Frau wieder, die er in der Nacht noch retten wollte. „Bist du der Typ, der uns letzte Nacht gestört hat?“. Sie stellte sich ihm vor. Ihr Name war Janis Joplin. Und neben ihr am Pool saßen Jimi Hendrix, Lester und Willie Chambers von den Chambers Brothers, Bobby Neuwirth, der Road Manager von Bob Dylan und Paul Rothchild von Elektra, der damals die Alben von Janis und den Doors produzierte. Shep entwickelte sich schnell zum Drogendealer Nummer 1 im Landmark und hing mit diesen damals noch nicht ganz so legendären Musikern ab, die ihn irgendwann fragten, was er für ein Alibi hätte, falls die Cops mal im Landmark auftauchen sollten. „Seid ihr nicht Juden“, sagte irgendwer, „tut einfach so als wärt ihr unsere Manager.“ Und so wurde Shep Gordon Manager, zwar noch ohne Band, aber die vermittelte ihm dann Jimi Hendrix, der über Ecken von dieser Garagenband aus Phoenix wusste, die vielleicht noch einen Manager gebrauchen konnten. Ihr seltsamer Name: Alice Cooper.

Nach den ersten künstlerischen und musikalischen Aha- Erlebnissen im Kunstunterricht von Mrs. Sloan hatten Vince und Dennis für einen Talentwettbewerb an der Schule eine Band gegründet. Sie traten als „The Earwigs“ auf und coverten Beatles Songs, bevor sie in kleinen Clubs als „The Spiders“ vorwiegend mit Yardbirds Stücken auftraten. Der letzte Bandname vor „Alice Cooper“ war dann „The Nazz“. Zwei unter Frank Zappas Schirmherrschaft produzierte Alben Ende der 60er hatten mäßigen Erfolg, doch dann trat Shep Gordon auf den Plan, der die Band kurze Zeit später mit Bob Ezrin verkuppelte, welcher mit ihnen den Alice Cooper typischen Sound entwickeln würde.

Doch zurück zum Schlüpfer. Es ist 1972. „School’s Out“ würde der ganz große Wurf werden. Der endgültige Durchbruch. Das ist zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht abzusehen, weshalb Warner Bros die Idee mit dem Slip aus Kostengründen ablehnt. „Dann bezahle ich die Kosten dafür selbst“, schlägt Shep vor, der niemals ein Nein akzeptierte. Auf die eigentliche Idee war Shep gekommen, als er in der Zeitung von einer Lieferung Papierschlüpfer mitbekommen hatte, die in Baltimore konfisziert worden war, weil sie nicht dem „Flammable Fabrics Act“ entsprach. Als Shep und die Band angefangen hatten, das Cover für „School’s Out“ zu designen, war schnell die Entscheidung gefallen, dass es aussehen sollte wie ein amerikanischer Schultisch an der High School. Die Sorte die man hochklappen kann, um in einem Fach darunter seine Hefte und Schulbücher zu verstauen. Nur sollten darin keine Bücher oder Stifte zu finden sein, sondern das Vinyl. Und dann erinnerte sich Shep noch an die Papierslips.

„What was the coolest thing a seventh-grade boy could be hiding in his desk? What if we wrapped paper panties around every copy of the LP that went out? Parents everywhere were sure to hate us.“

Shep Gordon konstruierte ständig kleine Skandale, um seine Bands in die Presse zu bekommen. Ob es Anrufe bei der Polizei waren, um ein laufendes Konzert unterbrechen zu lassen oder das eine Mal, als er Alice bei einem der frühen Konzerte ein lebendes Huhn auf die Bühne warf, der dieses in die Menge segeln ließ, wo es in tausend blutige Teile gerissen wurde. Die Presse ist ausgerastet. Shep hatte nicht mit dem Hühnermassaker gerechnet und nahm auch nie wieder den Tod von lebenden Tieren in Kauf. Die Publicity nahm er aber gern mit.

Und so sollte es auch mit den Papierslips laufen. Shep setzte irgendwann seinen Willen durch und brachte den Hersteller der Plattencover dazu, einen guten Preis zu machen und Warner willigte letztendlich ein. Für das School’s Out Vinyl achtete er darauf, nicht entflammbare Papierslips aus Kanada zu importieren, die dem „Flammable Fabrics Act“ entsprachen und nicht am Hafen von Baltimore konfisziert werden würden. Gleichzeitig ließ Shep in Frankreich 100000 weitere Slips anfertigen, die nicht den Regularien entsprachen, und ließ sie an Warner Bros. verschicken. Er rief seinen Freund Tom Zito von der Washington Post an und erzählte ihm von einer großen Story, die er für ihn hätte, wenn dieser ihm dafür die Titelseite versprechen würde. Shep gab ihm die Versandnummer der illegalen Lieferung und was Zito noch so an Infos brauchte und der Plan ging auf. Die Lieferung wurde vom Zoll konfisziert und Tom Zito war vor Ort, um darüber zu berichten. „The Largest Panty Raid in History“ machte die Runde, andere Zeitungen griffen die Story schnell auf und innerhalb von wenigen Tagen wussten Millionen Eltern in Amerika davon, dass das neue Alice Cooper Album, das diese Woche erscheinen sollte, in einem Damenslip eingepackt bei ihren Kindern landen würde. Und der Rest ist Geschichte.

Credits:
Model: Maike Schwanitz
Fashion: Patchyalater & Dreams&Dust

Reading List:

• Shep Gordon, They call me Supermensch
• Dennis Dunaway, Snakes! Guillotines! Electric Chairs! My Adventures in the Alice Cooper Group
• Michael Walker, What You Want Is in the Limo: On the Road with Led Zeppelin, Alice Cooper, and the Who in 1973, the Year the Sixties Died and the Modern Rock Star Was Born

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