Sammlerstücke in Södermalm

Record Store Day 2017 in Stockholm – ein Besuch in der Plattenladenhauptstadt des Nordens

Nicht nur uns hat die Unruhe schon früh gepackt. Eigentlich wollten wir den Record Store Day in Schwedens Hauptstadt erst um zehn Uhr beginnen. Nun aber stehen wir bereits um kurz nach neun vor „Bengans Skivbutik“ in der Stockholmer Innenstadt. Allein sind wir nicht. Die Hauptstadtfiliale der Göteborger Händlerkette platzt aus allen Nähten. Lange Schlangen vor den Pappkisten mit RSD-Veröffentlichungen. Besonders gut gehen sämtliche Releases von David Bowie und Prince. Ein heilloses Gedränge, aus dem sich hier und dort Kunden mit ganzen Armen voller Vinylscheiben in Richtung Kasse vorarbeiten. Das ganze Dilemma des Record Store Day zeigt sich hier wie in einem Brennglas: Zahllose, überflüssigste Wiederveröffentlichungen wie das erste Soloalbum von ABBAs Frida werden – künstlich verknappt und überteuert – auf den Markt geworfen. Um diese Uhrzeit sind die Spekulanten am Werk und reißen sich um die besonders raren Stücke. Aber gleichzeitig treibt der jährliche Feiertag der unabhängigen Schallplattenläden viele Kunden in die Geschäfte, die sich sonst eher online versorgen würden.

Dennoch schreckt uns die Grabbeltisch-Atmosphäre in diesem Plattenladen ab und so spazieren wir über die Riksbronn in die malerische Altstadt. Wir kommen am Regierungsgebäude vorbei und bewundern zur linken das prachtvolle königliche Schloss. In der Ferne lässt sich der Vergnügungspark Gröna Lund mit seinen bunten Fahrgeschäften erkennen. Vorbei an der Baggensgatan, in der Frida und Benny ab Mitte der 70er Jahre eine Maisonettenwohnung bewohnten, gelangen wir flanierend zur Store Nygatan. Eingezwängt zwischen überfüllten Souvenirshops und teuren Altstadt-Cafés finden wir einen der schönsten Schallplattenläden der Stadt: „Plugged Records“. Eine Posaune hängt im Schaufenster, umringt von Schallplatten. Daneben portable Retro-Spieler, Memorabilia und eine exquisite Auswahl von Jazz und Blues Platten. Hier gibt es keine überfüllten Pappkisten, stattdessen sind lediglich zwei Handvoll RSD-Veröffentlichungen in Displays an der Wand präsentiert. Die meisten Kunden betreten das Geschäft nur kurz, scannen die RSD-Scheiben mit geübtem Blick und sind nach dem Bezahlen sofort auf dem Weg in den nächsten Laden. So haben wir Zeit für einen Plausch mit dem Plattenhändler Teijo Agélii-Leskelä. Seit 2013 betreibt er zusammen mit seiner Frau Lena „Plugged Records“. In einem früheren Leben war er Songschreiber und schrieb unter anderem den Rednex-Hit „Wish you were here“. „Heute machen wir fast so viel Umsatz wie im ganzen restlichen Jahr“ sagt er, als wir ihn nach der Bedeutung des Record Store Day fragen. „Aber natürlich hoffen wir vor allem, dass die Leute durch den RSD überhaupt erst einmal unseren Laden entdecken. Und dann vielleicht im Laufe des Jahres auch ein zweites oder drittes Mal vorbeischauen.“ Damit dies gelingt, hat er für den ganzen Tag Livemusik gebucht, unter anderem den schwedischen Lokalhelden Anders F. Rönnblom. Im Keller des Geschäfts findet sich eine kleine Bar, an der Lena selbstgebackene Kekse verkauft, und eine wunderschöne Gewölbe-Bühne. Der Publikumszuspruch hält sich allerdings in Grenzen.

„Das ist schon ein wenig schade“, sagt Teijo. „Die Leute sind so gehetzt auf der Jagd nach exklusiven Veröffentlichungen, dass sie sich keine Zeit nehmen für die Veranstaltungen.“ Im vergangenen April haben er und Lena dieses Ladenlokal neu bezogen, um neben dem Verkaufsgeschäft fast jeden Abend Konzerte zu veranstalten. Vorher befand sich „Plugged Records“ ein paar Straßen weiter, in einem Geschäft, das so klein war, dass für Konzerte jedes Mal die Schallplattenauslagen zur Seite geräumt werden mussten. „Es gibt so wenige Auftrittsmöglichkeiten in dieser Stadt“, erzählt Teijo. „Ich finde aber, so ein Plattenladen ist auch ein wichtiger Ort, um Künstler zu fördern.“ Die Kosten für den Umzug sind noch lange nicht wieder hereingebracht, gibt Teijo zu und sagt: „Für uns ist Record Store Day wirklich wichtig, um als Plattenhändler vor Ort zu überleben.“ Wir verabschieden uns von den beiden und ziehen weiter.

Mit mehr als 30 Plattengeschäften gilt Stockholm als die Musikhauptstadt des Nordens. Das Herz des Vinylliebhabers pocht am lautesten in der St. Eriksgatan. Hier im Stadtteil Vasastan liegen gleich mehrere Geschäfte nebeneinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. „Record Hunter“ ist ein wunderbar aufgeräumter Second-Hand-Laden, der günstige Vinylscheiben und eine große Auswahl von CDs anbietet. Nirgendwo sonst kann man sich so gut und kostengünstig mit schwedischen Veröffentlichungen eindecken. Unsere Tasche füllt sich mit Alben von Lena Malmborg, Moneybrother, Friska Viljor und Anna Ternheim. Auf der anderen Straßenseite findet sich „Beat goes on“. John Lennon schaut als Poster von der Wand und gibt die Richtung vor: Neue und alte Scheiben von Klassikern der Rockmusik sind im Angebot. Um die Theke herum sind die Record Store Day-Veröffentlichungen von David Bowie, The Small Faces und Bruce Springsteen verteilt. Bei letzterer – dem 4xLP-Release des überwältigenden Konzertes im Hammersmith Odeon 1975 – sind wir verlockt, aber mehr als 800 schwedische Kronen lassen doch schwindeln. Ein paar Schritte die St. Eriksgatan entlang schauen wir in die „Skivbörsen“ hinein. Seit fast 50 Jahren existiert der nur am Wochenende geöffnete Trödler im Keller der Hausnummer 71. Man betritt das chaotisch überfüllte Geschäft am besten mit viel Zeit, Taschenlampe und Mundschutz. Bis an die Decke stapeln sich die Tonträger, nur rudimentär nach Buchstaben und Genres sortiert. Staub hängt in der Luft und legt sich auf die Lunge, es ist schummrig und der Betreiber Gunnar Lind hinter der Theke kaum zu erkennen. Der ehemalige DJ ist notorisch bekannt für seine grimmige Laune, die heute aus Ablehnung des RSD-Kommerzes noch ein wenig schlechter als gewöhnlich scheint. „Skivbörsen“ ist die vollendete Verweigerung des zeitgeistigen Vinylbooms und ein Paradies für Stöberer. Zu einem Spottpreis finden wir eine alte Dr. John Scheibe und das Debüt von Bobby McFerrin.

Es ist Nachmittag. Da die meisten Stockholmer Plattenläden in der Regel schon gegen fünf Uhr schließen, beeilen wir uns, in den hippen Stadtteil Södermalm zu gelangen. Inmitten der angesagten Skånegatan befindet sich die zentrale „Apotheke“ für Vinylfans der Stadt. „Pet Sounds“ wird von dem mittlerweile über 60-jährigen Stefan Jacobson betrieben. Eröffnet hat er sein Geschäft auf dem Höhepunkt der Punkwelle, aus Protest wie er sagt. „Ich arbeitete Ende der 70er in dem hippsten Laden der Stadt, ‚Richards Records‘“, erzählt er. „Dann gab es neue Besitzer, die keine Punk-Platten verkaufen wollten. Also habe ich mit Calle Eklund meinen eigenen Laden aufgemacht.“ Der Legende nach war es die Schwester von Calle, Britta Eklund, die für den Bankkredit bürgte. Das klappte, weil sie durch eine Liebesbeziehung zu Rod Stewart schwedenweit berühmt geworden war.

Solche Anekdoten kann Stefan Jacobson viele erzählen. Stadtbekannt ist er aber für seinen exzellenten Musikgeschmack und das enzyklopädische Wissen über die Popgeschichte. Mit diesem führt er seit bald 40 Jahren sein Plattengeschäft. Die Auswahl aus Indie, Rock, Punk, schwedischem Prog und Platten von Bands wie Hansson & Karlsson, Kebnekaise oder Träd Gräs och Stenar sucht ihresgleichen. Als wir ankommen, ist der Laden pickevoll, obwohl nur eine kleine Auswahl von RSD-Scheiben hinter der Theke ausgestellt ist. Turnschuhtragende Hipster in Froschbein-Jeans mit Airpods in den Ohren stöbern durch die Re-Issues. Graumelierte Herren blättern durch die Sonderangebote von seltenen Singles oder kaufen die Neuerscheinungen von Bob Dylan und Ray Davies. Als es zu regnen beginnt, wird es noch gedrängter und es entwickeln sich engagierte Debatten über die Unterschiede zwischen der Originalversion von Pink Floyds „Interstellar Overdrive“ und der 15-minütigen Neuauflage zum Record Store Day.

Wir wollen den Tag mit Livemusik beschließen. Im „Södra Teatern“, von dessen Terrasse man bei einem Bier vor Konzertbeginn einen zauberhaften Blick über den Stockholmer Hafen genießen kann, spielen die schwedischen Indie-Helden Peter Bjorn & John. Die Kägelbanan-Halle, die seit 1887 unter der Terrasse des „Södra“ als Livebühne fungiert, ist ein wunderschöner, schwarz getäfelter Schlauch mit gold-dekorierten Stützträgern. Zusammen mit 500 anderen Musikfans pfeifen wir bei „Young Folks“ mit und tanzen zu „Second Chance“. Am Ausgang ist ein Schallplattenstand mit Tonträgern des Künstlerkollektivs „Ingrid“ aufgebaut, das Peter Bjorn & John 2012 ins Leben gerufen haben. Zur Feier des Record Store Day veröffentlichen sie heute eine Deluxe-Version ihres aktuellen Albums „Breakin‘ Point“, die wir erstehen. Eigentlich braucht niemand die B-Seiten und Demos. Eigentlich. Aber letztlich ist es doch immer wieder unwiderstehlich schön, eine neue limitierte Rarität in die Plattensammlung aufzunehmen.

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