Monkeytown Records – Die Stadt der Affen zuhause auf einem Label

Seit vielen Jahren ist Deutschlands Hauptstadt bekannt als das europäische Zentrum für elektronische Musik. Zahlreiche Weltklasse-Acts und -Labels sind hier zu finden – die Plattenfirma der Stunde ist Monkeytown Records.

Über der Wuhlheide in Berlin geht gerade die Sonne unter. Man kann sie sogar sehen, wie sie sich ihren Weg Richtung Horizont durch die Bäume bahnt. Das ist nicht selbstverständlich für diesen Berliner Sommer, der aus überschwemmten U-Bahnen und häuslichen Wasserschäden bestand und mit gefühlt durchschnittlichen 20 Grad eher ins Spa als an die Seen lockte. Aber nun stehe ich hier auf der Tribüne mit meinen Freunden und 17.000 anderen Menschen und warte auf Moderat – eine „Band“ bestehend aus drei Männern, von denen zwei hinter Laptops stehen – während die Sonne untergeht und der Himmel in den schönsten Farben glänzt. Kein Wölkchen trübt das Erlebnis, das uns gleich kollektiv in Ekstase versetzen soll und auf das ich seit neun Monaten gewartet habe.

„Es war gar nicht so selbstverständlich, dass wir die Wuhlheide mit Moderat ausverkaufen“, sagt Marit Posch, Label-Managerin bei Monkeytown Records, über die Drei-Mann-Kombo, die schon seit einigen Jahren zu einem der weltweit besten Elektro-Acts gehören. „Es gibt tausende Dinge, die schief gehen können, trotz guter Planung“, ergänzt ihr Kollege Raymond Merkel trocken. Ich sitze mit den beiden in ihrem Büro, das schön versteckt in einem Kreuzberger Hinterhof liegt, aber nur ein paar Schritte entfernt ist vom Berliner Affenzirkus. Zusammen mit Gernot Bronsert und Sebastian Szary, besser bekannt als DJ-Duo Modeselektor, haben die beiden 2009 ihr mittlerweile legendäres Label Monkeytown gegründet. Während sich Gernot und Sebastian vor allem um die Künstler kümmern und heute eher zufällig im Büro vorbeischauen, sind Marit und Raymond für die Organisation hinter den Kulissen zuständig – und da geht es weniger wild zu, als exzessive und mitunter bewusstseinserweiternde Label-Abende und DJ-Sets vermuten lassen könnten.

Zwischen exzessiven Label-Abenden und kalkuliertem Wachstum aus dem BWL-Handbuch

Haben sie jemals gedacht, dass einer ihrer Künstler so groß wird? „Es war schon das Ziel.“, sagt Raymond ganz unbeeindruckt. „In Boston haben sie erst vor 200 Leuten gespielt, in Chicago dann vor 400 und in Hollywood vor 1000. Wir haben es mit der Band und dem Team geschafft, das Ganze in gesunden Schritten größer zu bekommen.“ Gesunde Schritte, das klingt wie aus einem BWL-Lehrbuch für nachhaltiges Wachstum, aber letztendlich ist es dieser Ansatz, mit dem Monkeytown über die Jahre zu einem der bedeutendsten Elektrolabels weltweit wurde. Dahinter steht zwar auch ein Businessplan, aber vor allem die Leidenschaft für die Sache. „Darum geht es: Ein Zuhause für Künstler zu schaffen, in dem sich jeder kreativ entwickeln kann“, meint Raymond. Mit Monkeytown wollten die vier Gründer nicht nur ihre Musik unabhängig von der Meinung eines anderen Labels veröffentlichen, sondern auch „was eigenes“ schaffen, mit dem sie Freunde unterstützen können.

Zu ihren Freunden zählen dabei nicht nur Sascha Ring von Apparat (der zusammen mit Modeselektor als Moderat auftritt), sondern auch einige der bekanntesten Elektro-Acts, die es derzeit gibt: RY X und Frank Wiedemann alias Howling, Moritz Friedrich aka Siriusmo oder Andi Toma und Jan St. Werner, besser bekannt als Mouse on Mars. Auch Künstler wie der syrische Musiker Omar Souleyman, die man vielleicht nicht sofort mit Elektro assoziieren würde, sind bei Monkeytown heimisch. Letztgenannter hat 2015 mit Modeselektor kollaboriert und syrische Folklore mit Elektro verheiratet. (Einen weiteren Beitrag über elektronische Musik zwischen verschiedenen Kulturen gibt es hier zu lesen.)

Wo Elektro auf Klassik und syrische Folklore trifft

Überhaupt hört man bei Monkeytown ziemlich gut, was elektronische Musik heutzutage alles sein kann. Bestes Beispiel ist das letzte Album von Moderat. Auf „III“ wird man reingezogen in eine Welt aus sich überlagernden Soundteppichen, markerschütternden Bässen, wärmenden Streichern und herzzerreißenden Melodien. Da passt es dann auch sehr gut, dass Marit und Raymond beide eigentlich klassische Musiker sind und Raymond Bläsersounds für das letzte Moderat-Album beigesteuert hat. Der musikalische Mix ist es, der das Label so spannend macht. „Es muss unique sein, ansonsten gibt es keine stilistischen Vorgaben“, meint Raymond. „Aber Gernot und Sebastian haben schon das Schlusswort. Wir können Sachen toll finden, wie wir wollen, wenn die die blöd finden, kommen die nicht raus“, sagt Marit lachend.

Und bisher haben die vier immer ein gutes Händchen gehabt. Wer wissen will, wie Berlin heutzutage klingt und sich anfühlt, der kommt um Monkeytown nicht herum. Denn wie Marit so schön sagt, sind Affen „lustig und verrückt, manchmal auch oll und eklig, wenn die ihre eigenen Exkremente essen. Und so ist Berlin: räudig, aber trotzdem cool und durchgeknallt.“

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