„Mit 15 Platten und einer Handvoll CDs“

DJ Miri Lee geht es beim Auflegen um die Klangfarbe der Stücke. Mit ihrer Freundin Kitty Atomic bespielt sie die Partyreihe “Gogo Crazy”.

Es gibt wirklich unangenehmere Interviewbedingungen als ein Hausbesuch bei Miri Lee aka DJ Miss Stereo. Denn zu meiner freudigen Verblüffung hat die Kölnerin ein ganzes Buffet an japanischen und koreanischen Leckereien vorbereitet – und so werde ich erstmal mit Sushi, Bulgogi, Kimchi und Edamame verköstigt, bevor wir mit dem seriösen Teil des Abends beginnen, dem Interview.

Seit 1999 lege sie bereits in Köln und Umgebung Platten auf, erzählt Miri Lee, und ist selbst ein bisschen erstaunt, dass sie bereits auf 18 bewegte Jahre zurückblicken kann. Losgegangen ist es damals relativ unbedarft auf Einladung des Rose Club Betreibers, dem die Musikbegeisterung seiner Mitarbeiterin Kathrin Müller (aka Kitty Atomic) und der begeisterte Tänzerin (Miri Lee) aufgefallen waren und der den beiden daraufhin die Sonntag-Residency in Kölns damals beliebtesten Indie-Club anbot. „Mit 15 Platten und einer Handvoll CDs haben wir dann die Freunde bespielt, die unsere einzigen Gäste waren“, erinnert sich Miri Lee. „Mehr Platten hatten wir nämlich gar nicht.“

Erst über das regelmäßige Auflegen entstand in der Folge die Lust am Plattensammeln. So unkonventionell wie die Reihenfolge der Ereignisse fällt auch die Vorgehensweise beim Plattenstöbern aus. „Viele Platten kaufe ich aufgrund der lustigen Cover“, gibt Miri Lee zu. Falsche Coolness spielt bei ihr keine Rolle – auf und abseits der Tanzfläche. Es zählt nur der eigene Geschmack und das Tanzverhalten der Leute. „Wenn wir es gut finden, dann passt es – das reichte anfangs von Indie im weitesten Sinne über Britpop – das war ja der heiße Scheiß als wir jung waren, das wissen die Jüngeren heute ja nicht mehr mehr – und Northern Soul und Beat bis hin zu einer „Best of Italienische Akkordeonmusik“-Platte und umfasst aktuell Disco, New und No Wave, HipHop, Punk und Reggae.“ Da wundert es nicht, dass die Abende von Kathrin Müller und Miri Lee den Namen „Gogo Crazy“ tragen.

“Die Leute kamen in den Anfangstagen bei uns sehr viel häufiger, um zu fragen, was da gerade läuft, als dass sie sich was wünschen wollten”, merkt Miri Lee an. “Die haben sich das damals nicht getraut – das ist anders als heute, wo alle denken, dass alles verfügbar ist und der Dj ein Dienstleister sein soll.” Und wenn sie eines ganz sicher nicht sein möchte, dann das. Insofern sei es gut, dass das Gebäude 9, wo Miri Lee und Kathrin Müller am häufigsten auflegen, abgelegen auf der “schäl sick”, der falschen” Rheinseite in Köln Deutz liegt. Die Leute, die sich für “Gogo Crazy” auf den Weg machen, kommen extra für sie. Und alle anderen, die es unwissend hinverschlägt, haben sich darauf einzulassen oder “müssen eben wieder fahren.”

So konsequent und selbstbewusst, wie Miri Lee rüberkommt, ist sie aber nicht immer gewesen. “Früher hat es mich sehr mitgenommen, wenn Leute mich kritisiert haben”, gibt sie zu. Erst die Routine der Jahre habe sie da entspannter gemacht.

“Ich brauche den Druck der Tanzfläche”, erklärt Miri Lee warum sie quasi nie in Kneipen oder Bars auflegt, sondern nur im Clubkontext. “Sobald es eine Tanzfläche gibt, besitzt die Nacht eine ganz andere Dynamik. Das fordert einen.” Das mag erstmal verwundert, da die Platten, die sie auflegt, nicht zwingend den Dancefloor bedienen – wobei selbst die Ramones sich anders geben, wenn sie bei “Gogo Crazy” nach Blondie laufen.
Womit wir beim Thema Mixen wären – beziehungsweise dem Nichtmixen. Bis vor kurzem hat sie diese Disziplin des Auflegens nicht interessiert. Dann landete sie mit befreundeten Djs auf einer Afterhour und diese legten plötzlich mit ihren Platten mixend auf. “Es war wie Zauberei und hat in mir den Wunsch geweckt, das auch zu können. Ich weiß auch nicht, warum ich bis dahin dachte, man könne nicht so was wie “Blue Monday” von New Order mit “Geffen” von Barnt mixen.” Und so fragte sie ihren Freund Christian S., für den “das Mixen zum Djing wie das Atmen gehört”, ob er ihr denn ein paar Tricks und Tipps hätte – woraus dann gleich ein richtiger Dj-Workshop mit Einführung in die Dj-Geschichte wurde. Den zweiten Plattenspieler und Mixer hierfür konnte sie sich vom Kölner Klub Genau ausleihen, da dieser, seitdem er im September 2016 seine Heimat verlassen musste, auf Spielstättensuche ist.

Man muss es hier kaum noch sagen: Miri Lee legt quasi exklusiv mit Vinyl auf. Bedingt durch die Genres, die sie spielt und die Geschichte, die sie mit dem Auflegen hat, spielt sie eher LPs und Singles als Maxis. Wobei es sich neuerdings ein bisschen dreht, denn durch das Mixen steigen die Anforderung an die Soundquelle – und ergibt sich ein ganz neuer Erkenntnishorizont. “Seitdem ich auf meine Platten die Beatzahl der Stücke drauf schreibe, muss ich oft stutzen, da die Platten, die ich sonst hintereinander spiele, von der Geschwindigkeit her eigentlich gar nicht passen. Aber mir geht es ja auch eher um die Klangfarbe der Stücke, sodass auch mal ein schnelles Elektrostück mit eingängigem Beat zu einem langsamen, melodischem Reggaestück passen kann.”

Kommen wir zum Schluss zum leidigsten aller Themen, der unangenehmen Angewohnheit vieler männlicher DJs und Musikschaffender Frauen nicht voll zu nehmen. “Oh ja, Vorurteile begegnen mir ständig”, kommentiert Miri Lee. “Früher war das so schlimm, dass ich mich nicht in Plattenläden reingetraut habe. Ich hatte richtig Angst und bin nur hin, wenn ich genau wusste, welche Titel von welchen Interpreten ich haben möchte.” Das sei aber mittlerweile Vergangenheit, nicht zuletzt wegen guter Freunde in den einschlägigen Läden: “Ich lasse mir vom Uwe im Groove Attack, dem Thomas im Parallel und dem Frank im a-musik gerne Tipps geben, die wissen, was ich mag.”

Absurderweise sei auch ihr bis dato größter Gig über eine sexistische Anfrage zustande gekommen, erzählt Miri Lee zum Abschluss. “Ich habe auf Einladung von 30 Seconds to Mars im Hockeypark in Mönchengladbach vor 14.000 Leuten aufgelegt –  und zwar weil sich die Band explizit einen female DJ gewünscht hat, der moody Sound macht. Eine kuriose Herausforderung, die ich angenommen habe.”

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