Lohnt es sich für kleine Labels, heute noch auf Vinyl zu veröffentlichen? Im Gespräch mit Stil vor Talent

„Im Alter kriegt man ja eher Rückenprobleme und wenn man dann am Flughafen mit seinem Plattenkoffer rumläuft, seinen Flug bekommen und das Ding herum tragen musst... und so viele Gigs wie er immer spielt...“

Ich sitze gerade mit Friedrich Szendzierlorz in einem Café auf der Reichenberger Straße in Kreuzberg und unterhalte mich mit ihm über das Berliner Elektroniklabel Stil vor Talent und seinen Gründungsvater, den ebenfalls ziemlich bekannten DJ Oliver Koletzki. Friedrich kümmert sich bei Stil vor Talent um das Label-Management. Er hatte mich im Büro abgeholt und mir direkt erzählt, als wolle er Präventivarbeit für die kommenden 60 Minuten Interviewtermin leisten, dass Koletzki früher auch mit Platten aufgelegt habe, mittlerweile aber aus einer Bequemlichkeit heraus wie die meisten DJs auf Stick umgestiegen sei. Wobei man natürlich dazu sagen muss, das Koletzki wahrlich keiner alter Mann ist.

Der 42-Jährige gründete sein Label 2005, zunächst als Plattform für eigene Produktionen, dann, um Nachwuchstalente wie David August, HVOB, oder Reinier Zonneveld zu fördern. 12 Jahre später kümmern sich bei Stil vor Talent sieben Mitarbeiter nicht nur um das Label (auf dem unter anderem Niko Schwind, Klangkuenstler oder Teenage Mutants erscheinen), sondern auch um das Booking der Künstler, sie veranstalten Partys und machen Mode – „alles Ideen, die mal jemand hatte und die wir dann weiterentwickelt haben.“ Vom kleinen Elektroniklabel zum hippen Allrounder. Wer mal bei einem der Open Airs im Sommer dabei war, weiß, mit wie viel Spaß und Liebe alle dabei sind und was sie entsprechend vom Publikum zurück bekommen. Aber wie jedes Vergnügen muss sich auch dieses finanzieren, und – bei aller Liebe zum Vinyl – über Plattenverkäufe allein wäre das nicht möglich.

„Wenn wir das Gefühl haben, dass es ein Projekt ist, das rentabel ist, dann veröffentlichen wir das auch auf Vinyl.“, sagt Friedrich ganz unromantisch mit Blick aufs Business. „Man liest ja immer wieder, dass der Vinyl-Verkauf in den letzten Jahren angestiegen ist. Ich glaube aber, der Vinylverkauf zieht vor allem bei den Majors an.“ Er spricht ein Problem an, dass viele kleine Labels im Business kennen und jährlich zum Record Store Day Hassartikel von Musikjournalisten zutage fördert: Die großen Labels besetzen mit ihren Aufträgen, vor allem Nachpressungen alter Bestseller und teuren Single-Specials großer Bands, über Monate hinweg die wenigen Presswerke, die es noch gibt, sodass kleine Labels kaum Termine für ihre Pressungen erhalten. „Teilweise muss man ein halbes Jahr warten, was für uns heißt, dass wir das komplette Produkt schon 6 Monate vorher fertig haben müssen. Aber neue Musik will man ja eigentlich relativ schnell herausbringen, weil sie zu der Zeit einen gewissen Modernitätsfaktor hat.“

Die ersten knapp 100 Veröffentlichungen sind bei Stil vor Talent noch zusätzlich auf Vinyl erschienen, mittlerweile werden aus Zeit- und natürlich Kostengründen aber nur noch die Alben und Special Editions auf Vinyl veröffentlicht, quasi um dem Künstler „ein schöneres Andenken“ an sein Werk zu hinterlassen. „Wir haben uns schon vor vielen Jahren stark auf die Digitalisierung fokussiert“, meint Friedrich. Vor allem über Streaming-Dienste wie Spotify und Apple Music generiert Stil vor Talent Einnahmen aus den Musikverkäufen, an zweiter Stelle kommen iTunes und Beatport. Gerade für neue Labels sind diese Online-Dienste eine dankbare Plattform, da die Musik ohne zusätzliche Kosten hochgeladen werden kann. „Das ist ein Aufwand von ein bis zwei Stunden und Kosten, die gen null gehen.“

Was auch für DJs nicht ganz unpraktisch ist, denn ob man mit Vinyl oder Stick auflegt, ist vor allem auch eine Geldfrage. Dazu kommt die Menge an Platten, die man mitschleppen muss und die für ein, sagen wir mal, achtstündiges Set nicht unerheblich ist. Da kann man auch schon mal Rückenprobleme bekommen. Wenn dann die Plattenkoffer am Flughafen geklaut werden (Fall Koletzki), hat man schon drei Gründe, sich vom Analogen zu verabschieden. Dazu kommt eine viel „tragischere Geschichte“, wie Friedrich meint. Denn von den 14 Künstlern, die Stil vor Talent unter Vertrag hat, legt keiner mit Vinyl auf. „Gerade die älteren Künstler haben irgendwann mal mit Platten aufgelegt. Die meisten haben auch eine große Vinyl-Kollektion Zuhause. Aber einer der Hauptgründe für ihren Wechsel zum Stick war, dass sie in den Club gekommen sind und die einzigen waren, die innerhalb der letzten Monate mit einem Plattenspieler gespielt haben. Der Plattenspieler war zwar gut, aber komplett verstaubt, sodass die Platte auch nach der Reinigung gesprungen ist. Je größer und bekannter du bist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass das in einem Club passieren wird. Aber wenn du ein kleiner DJ bist, kümmert sich der Veranstalter auch halbherziger darum.“

Wer Schuld an der Misere ist – die Musikindustrie, die DJs oder der Clubbesitzer – soll an dieser Stelle nicht geklärt werden und ob man mit Platte oder Stick auflegt, ist unter DJs ja sowieso eine existenzialistische Frage. Für Stil vor Talent steht trotz aller unternehmerischen Entscheidungen fest: Die Vinyl ist ein Liebhaberprodukt, das trotz kleiner 500er Auflage je Album nicht so schnell aus dem Regal verschwindet. „Und es ist ja schade, wenn ein Album mit tollen Artwork nicht auf Vinyl erscheint, weil’s ja gerade für den Künstler was Schönes ist, wenn er die Platte in der Hand hält und nicht bei Beatport auf ein 2×2 cm großes Kästchen schaut.“ Word!

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