“Jeder ist willkommen!“ – Techno zwischen den Welten

Ob früher im Sixpack, der Barracuda Bar und dem Elektra oder aktuell im Acephale, Salon des Amateurs, King Georg und Scheuen Reh: die Sets von Korkut Elbay bereichern seit bald 20 Jahren das Nachtleben Kölns.

Bereits der erste Blick in die Wohnung macht unmissverständlich deutlich: die Person, die hier lebt, liebt Musik. In jeder Ecke der Drei-Zimmer-Wohnung in der Kölner Nordstadt stehen Plattenstapel rum. Während sie im Flur, Wohnzimmer und der Küche eher vereinzelt auftauchen, herrscht im Schlafzimmer (das zugleich das Musikzimmer ist) absolute Reizüberflutung –zwischen Bett und DJ-Set-Up bleibt kaum Platz zum Bewegen. Das Ergebnis von mehr als 20 Jahren hingebungsvoller Sammlerleidenschaft.

Bevor wir uns in die Teenagerjahre und damit zum Nukleus der Plattensammlung von Korkut Elbay begeben, gilt es aber erst mal über die letzte Installation der von Christian S. und ihm geführten Partyreihe im African Drum, einem lokalen Hangout der afrikanischen Community in Köln, zu sprechen, die just am Wochenende vor unserem Treffen stattgefunden hat. Die Partyreihe hat sich in den neun Jahren ihrer Existenz in die Herzen aller Kölner TänzerInnen gespielt, nicht zuletzt, da die beiden wissen, wie bedeutsam es ist, sich rar zu machen. „Es war uns von Anfang an wichtig, dass das nicht inflationär wird und den Charakter von etwas Besonderem behält“, führt Korkut Elbay aus. „Die Party findet nur zweimal pro Jahr statt, einmal in der Nacht zum 1. Mai und dann noch in der Nacht vor dem Tag der Deutschen Einheit“.

Ihren Ursprung haben die African Drum-Parties an einem kalten Winterabend des Jahres 2008, als Elbay beim Überqueren des Ebertplatzes erstmals dieser spezielle Ort auffiel. „Die Bar war eigentlich noch geschlossen, aber drinnen tanzten vier Leute zu lauter Musik – das weckte sofort mein Interesse“, erinnert er sich. „Auf mein Klopfen und vehementes Verlangen eintreten zu dürfen hin, ließ man mich entgegen erster Verneinung dann doch hinein.“ Danach dauerte es nur einen Kaffee und etwas Small Talk und schon war die Idee zur Partyreihe nicht nur entstanden, sondern auch bereits im beidseitigen Einverständnis beschlossen. „Uns war es wichtig, dass das hauseigene Publikum nicht von den White Guys und der Technoparty verscheucht werden“, betont Elbay, dass man sich nicht unreflektiert an diesen Ort begeben hätte, sondern eben mit der Ambition einen gemeinsamen sozialen Raum zu kultivieren. „Jeder sollte willkommen sein.“ Und so tanzt die African Drum-Community nun zweimal im Jahr nicht zu den gewohnten Popklängen aus Nigeria, sondern eben zu House und Techno. (Einen weiteren Raum für musikalisch-soziale Begegnungen bietet auch der HiFi-Händler Stefan Brück in seinem Kölner Ladenlokal.)

Bei der Frage nach der ersten selbst gekauften Platte trennt sich ja bekanntlich die Spreu vom Weizen. Geschichten von peinlichen frühen Fehltritten stehen fast schon zu „sophisticated“ anmutenden Referenzplatten gegenüber. Nun, die Story von Korkut Elbay scheint wasserfest – und geht so:  Er muss um die acht Jahre alte gewesen sein, als im Fernsehen „Rio Bravo“ von Howard Hawks lief, ein Western mit Sozialpathosanstrich, in dem der von John Wayne gespielte Sheriff den von der Gemeinschaft ausgestoßenen Dude (Dean Martin) unter seine Fittiche nimmt. Nachdem die beiden Männer in einer Bar das Objekt ihrer Jagd gemeinsam getötet haben, feiern sie das anschließend im Sherrifbüro – und Dean Martin stimmt den Titelsong des Films an.

Für Elbay ein Erweckungsmoment von großem Rührungspotential. „Ich bin am nächsten Morgen direkt zum Saturn gerannt, der damals noch eine große Plattenabteilung hatte, und habe mir die 7-Inch gekauft.“ Seine Freunde, die den Film offensichtlich nicht gesehen hatten, oder von solchen Männerfreundschaftsmythen nicht so leicht zu beeindrucken waren, zeigten ihm dezent den Vogel für diesen neu gefundenen Kitsch. Die ersehnte soziale Anerkennung durch Musikcheckertum sollte noch ein paar Jahre auf sich warten lassen.

Ob er deswegen so wenig Sorgfalt bei der Aufbewahrung zeigte? Heute ist die Platte jedenfalls verschwunden. Korkut Elbay vermutet, dass sie ihm im Sommer 1986 abhandengekommen ist, als seine Familie von Köln zurück nach Istanbul zog. Auch wenn er erst skeptisch war angesichts der neu aufoktroyierten Heimat, sollte es der Beginn von acht tollen Jahren für den Teenager werden – nicht zuletzt da damals eine ganze Welle von Arbeitsimmigranten mit ihren Familien zurückkehrten und er so auf eine Spezialschule für türkische Kinder aus Österreich, der Schweiz und Deutschland kam, die ihm die Integration in das ihm bis dato nur aus dem Urlaub bekannte Land merklich erleichterte.

CDs gab es noch nicht, Vinyl war auch kaum präsent und so lief die musikalische Sozialisation in diesen Tagen primär über günstige Tapes an – wie bei den meisten derart nachhaltig, dass diese heute in der Küche von Elbay einen Ehrenplatz einnehmen. „Ich habe neben Popbands wie Duran Duran oder Suzanne Vega damals auch viel Hardrock und Heavy Metal gehört“, gesteht er, zeigt auf die Tapes in der Ecke und schiebt pointiert nach, noch heute ein großer Fan von Judas Priest zu sein.

Mit der Rückkehr nach Deutschland Mitte der 90er Jahre setzte sich dann aber schnell das „große neue Ding Techno“ auch bei ihm durch. Das „42 d.p.“ am Kölner Hohenstaufenring sollte zum Erweckungsclub für den damals Zwanzigjährigen werden. “Das war eine Mörderzeit”, erinnert er sich. “Von Mittwoch bis Sonntag schauten jede Woche all die Detroiter Legenden vorbei, von Juan Atkins über Claude Young zu Jeff Mills.” Hier war es auch, wo Korkut Elbay überraschend zu seinem DJ-Debüt kommen sollte. “Ich hatte mich mit Sami Gee, der die Samstagsreihe betreute, angefreundet – und auf irgendeiner Afterhour fragte er mich, ob ich denn mal auflegen wolle.” So richtig gut sei das aber damals nicht gelaufen, kommentiert er lachend, “weder technisch noch von der Dramaturgie her.” Was aber auch nicht so schlimm war, denn eigentlich wollte er damals angesichts der “kompromisslosen und intensiven Art”, mit der die Detroiter die Nächte endlos werden ließen, doch nur raven und gar nicht selbst zwingend aktiv werden. Bis heute seien dies die besten Ausgehnächte seines Lebens, betont er.

Der Initialmoment zum eigenen Auflegen kam ungefähr zwei Jahre später, als er durch Zufall während der wilden Kölner Karnevalstage auf eine Outdoor-Party des Kompakt-Vorläufers Delirium stieß. “Die unbekümmerte Art, wie Justus Köhncke, Eric D. Clark, Michael Mayer und Reinhardt Voigt da House und Disco auflegten, die gefiel mir sofort”. Von da an kam eines zum anderen und schnell legte er an der Seite von Christian S. und Boris Bontempi im Barracuda auf, bildete gemeinsam mit Peter Abs, Viola Klein, Michael Kerkmann und Justus Köhncke die “Parage”-Crew im Sixpack und legte in der Hochphase des Hypes um das Kölner Comeme-Label auf dessen legendären Roxy-Parties auf.

Während Weggenossen damaliger Tage wie Daniel Ansorge (Barnt), Matias Aguayo und Christian S. heute viel international unterwegs sind, hat Korkut Elbay es jedoch nie über den Status des lokalen Djs hinausgeschafft. Warum eigentlich? Zum einen wegen seines bescheidenen Charakters und dann wohl auch, da er keines der drei wichtigen Attribute mit in den Booking-Ring werfen konnte: so betreibt er weder ein Label, noch ist er mit einem über die Stadt hinaus mystisch aufgeladenen Club verbindbar oder produziert eigene Musik – wobei sich letzteres gerade ändert. Nach Jahren des Ableton-Trainings mit Edits zum Auflegen, verbringt er derzeit jede freie Minute in seinem um die Ecke der Wohnung im gleichen Kölner Viertel gelegenen Studio. “Zuhause ging das nicht mehr, da die Nachbarn wegen der dünnen Wände durchdrehten”, berichtet er. “Ich kann das verstehen, gar nicht so sehr wegen der Musik, eher wegen dem steten Stoppen und Wiederholen der immer gleichen Stellen. Da muss man ja verrückt werden.“

Warum er denn nach all den Jahren nun doch noch angefangen habe, Musik zu produzieren, will ich zum Ende meines Besuches wissen. “Um zu gucken, ob die Sounds, die ich immer schon im Kopf hatte, wirklich so auch auf der Tanzfläche funktionieren.” Der erste Testlauf seiner House-Tracks kann übrigens nur noch eine Frage von Wochen sein, denn schon mehrmals war er kurz davor einen Track aufzulegen. „Aber dann fühlte es sich doch noch nicht zu 100 Prozent richtig an.”
Wir zählen dann mal hoch: 97, 98, 99 – 100!

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