“Jede Platte ist ein Unikat” – Zu Besuch im Schallplattenpresswerk Intakt

Im Frühling 2017 hat im Süden Berlins das Plattenpresswerk Intakt eröffnet – die weltweit erste Neueröffnung seit 30 Jahren. Hinter Intakt stehen Alexander Terboven und Max Gössler. Die beiden Freunde und DJs wollen mit ihrem Presswerk Independent-Labels die Möglichkeit geben, kleine Auflagen zu drucken – ohne lange Wartezeiten wie bei den wenigen, verbliebenen Presswerken.

“Nö. Ganz und gar nicht”, sagt Alexander Terboven ein bisschen zu voreilig auf meine Frage, ob er und sein Kollege Max Gössler sich besonders fühlen. Ich sitze mit Terboven an einem der wenigen schönen Sommertage weit ab vom Berliner Trubel in Marienfelde neben einem Beachvolleyballfeld. Hinter uns schimmert die türkisfarbene Halle von Intakt in der Sonne; ich fühle mich, als wäre ich im Urlaub. Terboven blinzelt und lächelt. “Naja, was heißt schon besonders? Wenn man das im Gesamtkontext sieht, dann ist das sicherlich was Besonderes. Aber wir machen das in erster Linie aus einer Leidenschaft heraus.” Terboven und Gössler, beide Anfang 30, haben im März 2016 die Presswerk GmbH gegründet und im Frühjahr 2017 ihr Schallplattenpresswerk Intakt eröffnet – das erste weltweit in 30 Jahren.

Von der Liebe zum Vinyl zur Leidenschaft fürs Plattenpressen

Man muss schon wirklich viel Leidenschaft für ein Medium besitzen, das bis vor wenigen Jahren nur Sammler, Nerds und absolute Musikliebhaber interessierte und das, wie Terboven sagt, schon einmal richtig hart vor die Wand gefahren wurde. “Wir lieben dieses analoge Medium aber über alles. Das haptische und klangliche Erlebnis, das sind Dinge, die das ganze Erlebnis Vinyl so einzigartig machen.” Terboven ist eigentlich Wirtschaftsingenieur und hat zuletzt als Maschinenbauer in Hamburg gearbeitet. Gössler ist studierter Volkswirt. Die beiden kennen sich seit Kindheitstagen und legen seit 15 Jahren auf – mit Vinyl versteht sich.

Als Gössler vor einigen Jahren sein eigenes Label Somedate gründete und selbst kleine Auflagen auf Vinyl veröffentlichen wollte, hatte er das gleiche Problem wie viele andere Independent-Labels: Die wenigen Presswerke, die es noch gibt, waren über Monate hinweg ausgebucht mit Aufträgen von großen Major-Labels, die derzeit vor allem Reissues pressen lassen, weil die Nachfrage nach Vinyl so groß ist. Während die Majors nach 40 Jahren Flaute also plötzlich wieder Gewinn einfahren, müssen kleine Labels zum Teil zwölf bis dreizehn Wochen auf ihre Pressungen warten (ein Problem, das bereits Friedrich Szendzierlorz vom Label Stil vor Talent hier angesprochen hat).

Und so reifte in Gössler eine Idee, die in den letzten 30 Jahren wahrscheinlich schon einige hatten, aber nie umgesetzt haben. Die einzige Bedingung an sie selbst war: Sie wollten ein Presswerk eröffnen, das ausschließlich kleine Auflagen für kleine Labels druckt. Intakt produziert ab einer Auflage von 100 Stück und verspricht eine Produktionszeit von vier bis sechs Wochen. Am Tag können die beiden Gründer zusammen 1000 Platten an zwei Vinylpressen drucken (die im Übrigen auch erst seit Kurzem wieder von einer Firma aus Nordrhein-Westfalen hergestellt werden und bei der schon Jack White für sein Label Third Man Records einkaufte).

“Das Feedback ist größer, als wir erwartet hätten.”, sagt Terboven noch etwas ungläubig und zählt die Länder auf, aus denen sie schon Aufträge bekommen haben: Deutschland, Frankreich, Spanien, Schweiz, Österreich, Ukraine, Russland, Kolumbien, Brasilien, Argentinien. Trotz der guten Auftragslage wirkt in der knapp 300 Quadratmeter großen Halle alles noch etwas improvisiert – überall stehen bunte Verpackungen mit PVC, in einer Ecke türmen sich Vinylreste, in einer anderen steht in vielen Farben schillerndes Vinyl nebeneinander. Um die Etiketten auf den Platten zu trocknen, nutzen die beiden einen Hähnchengrill. “Der war günstiger als die professionellen Dinger, funktioniert aber mindestens genauso gut”, meint Terboven. Die zwei Vinylpressen müssen von den beiden Gründern von Hand bedient werden, sodass jede einzelne Vinyl ein Unikat ist.

Plattenpressen leicht gemacht

Überhaupt lautet die Devise bei Terboven und Gössler: „learning by doing“. Am Anfang hätten sie auch mal Mist gepresst, gibt Terboven zu. “Ich glaube, das lässt sich mit dem Faktor Mensch gar nicht verhindern.” Die Maschinen sind keine Vollautomaten und so mussten die Gründer viel Aufwand, Kraft und Zeit ins Know-how stecken. “Das erzählt dir ja keiner. Die wenigen, die es wissen, haben selber ein Presswerk oder arbeiten in einem”, sagt Terboven. Und wie sich das für Gründer gehört, gab es auch gleich einen Crashkurs im Bereich Kundenmanagement. “Wir hatten keine Ahnung, was es bedeutet, wenn man den Leuten ein Produkt oder eine Dienstleistung anbietet und ein Versprechen abgibt, das man bestmöglichst erfüllen möchte.”

Bisher scheinen die beiden ihr Versprechen jedenfalls zu halten. Aber was wäre, wenn tatsächlich mal ein Major mit einem großen Auftrag an die türkisfarbene Tür klopfen würde? “Kaffee trinken kann man definitiv”, meint Terboven. “Aber wir würden uns dort nicht wohlfühlen, weil wir aus dem Independent-Label-Bereich kommen und diesen unterstützen wollen. Da würden wir Verrat an uns selber begehen.”


Titelbild: Jasmin Schuller
Bilder: Charlott Tornow

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