Ausschnitt Plattencover Sounds&Silence, Header zu Frank Berzbachs Sammlerportrait

Unkommerziell und mit hohem Druck

Trotz einiger Koryphäen, die einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind, ist Jazz auch viele Jahrzehnte nach seiner Entstehung immer noch die wohl unkommerziellste Musik. Was den Reiz dieses Stils bis heute ausmacht, zeigt ein Besuch beim Big-Band-Leader und Plattensammler Stefan Pfeifer-Galilea.

Mein Lieblingsbuchhändler, bei dem ich meine Musikbücher kaufe, nahm mich neulich mit zu einem Konzert im kleinen Klub Berlin in Köln. Im Tanzsaal saßen dort 17 Profimusiker, die in ihrer raren Freizeit in dieser »Big Band Convention« Musik spielen, die ihnen Spaß und Freude bereitet. »Im Repertoire haben wir etwa 600 Stücke«, sagt mir Stefan Pfeifer-Galilea, der die Band dirigiert. Er ist Saxophonist und Arrangeur, Träger des WDR-Kompositionspreises und Jazz-Plattensammler.

Stefan Pfeifer-Galilea am Klavier Frank Berzbach Jazz Artikel

Wer noch nie eine Jazz-Big-Band live erlebt hat, der bleibt wohl im Vorurteil stecken, Metal-Bands seien die, die am meisten Energie und Lautstärke übertrügen. Aber so eine Rockband von vielleicht fünf Musikern ist im Vergleich zu unverstärkt spielenden Jazzern ein Witz. Was einem aus vier Trompeten, vier Posaunen, fünf Saxophonen, einem Schlagzeug, Kontrabass, Klavier und Gitarre entgegenweht, dass kann kein Pop-Genre bieten. Die analoge Kraft aus Druck, Tempo und Spielfreude, Improvisationskunst und Timing sollte jeder Musikfan einmal erlebt haben, um seine Koordinaten zu korrigieren. Die meisten haben davon keine Vorstellung, weil die unvermeidliche Benny Godmann-LP im Plattenschrank des Vaters die erste und leider oft die letzte Begegnung mit dieser Art Jazz bleibt.

Auch Stefan stieß als Kind auf Benny Godmann, sein Vater war Hobbymusiker, der Schlager und Tanzmusik spielte. Dann war der Musiklehrer seiner Provinzschule seiner Zeit sehr weit voraus und gründete ein Schul-Jazz-Orchester – und als Mitglied war Stefan auf dem Gleis, auf dem er bis heute fährt. Der Lehrer lieh seinen Schülern Jazz-LPs aus und so stießen sie auf unerhörte Klänge; einige dieser frühen Heroen begleiten Stefan bis heute. Sein Leben als Berufsmusiker hat ihn später mit vielen der großen Stars spielen lassen, nicht nur durch seine Arbeit mit der berühmten WDR-Bigband.

Plattenhülle Marty Paich The Broadway Bit Frank Berzbach Jazz Artikel

Radio und Schallplatten bestimmen die frühe Hörbiographie des Saxophonisten. Als ich bei ihm ankomme, wartet auf einem Sideboard ein riesiger Stapel LPs, die er schon vorab herausgesucht hat. »Da wirst du viel West-Coast-Jazz finden, Cool-Jazz, aber auch ganz anderes ist dabei«, er blättert gedankenverloren und noch immer ganz verliebt in den alten Platten. Einige sind so oft gehört und abgenutzt, so zerkratzt, dass in der Hülle noch eine weitere steckt.

Zu jeder seiner LPs gibt es eine Geschichte. Entweder über das Label, zum Beispiel über MPS, das Oscar Petersen unter Vertrag hatte. Oder über seine Reise als 15-Jähriger nach München; er musste seine Eltern lange überreden, schließlich fuhren sie mit ihm, nur damit er die Thad Jones – Mel Lewis Big Band hören konnte. »Wenn man später mit diesen Leuten selbst auf der Bühne steht, ist das eine große Inspiration, aber zugleich auch ganz natürlich. Die Großen sind keine Diven, es sind Kollegen und so behandeln sie einen.« Mit Milt Jackson vom Modern Jazz Ensemble, Mel Lewis, Bob Brookmeyer und vielen anderen hat er gespielt. Auf dem Bücherregal stehen über 40 Jahrgänge des alten amerikanischen DownBeat-Magazins, seit den 1960ern eine unendliche Quelle an Inspirationen und Wissen.

Donald Fagen The Nightfly Plattenhülle Frank Berzbach Jazz Artikel

Es gibt ganz unerwartete LPs in den Regalen. Donald Fagen zum Beispiel, ein Mitglied von »Steely Dan«, die »Hi-Lo’s«, ein berühmtes Gesangsquartett oder die »Singers Unlimited«, die bis heute den Goldstandard für die Gesangskunst darstellen. Drei Männer und eine Frau, die zuerst berühmt waren, weil sie Jingles für Radio und Fernsehen einsangen. Ihre Stimmen gehören zu den bekanntesten der Welt. Wir steigen die Treppe hinauf, Stefan eilt zum Dual-Plattenspieler und legt die erste LP auf. Vorher schließt er alle Fenster, weil er ja keinen stören will.

Die Lautstärke, in der er mir Musik vorspielt, verschlägt mir den Atem – und er tänzelt herum, spricht einfach weiter und seine Augen glänzen vor Begeisterung. Wenn ich durch die Wucht der Musik hindurch irgendetwas frage, eilt er zum Flügel und spielt mir vor, was das Besondere ist, wenn zum Beispiel die Saxophonisten von »Supersax« Charlie Parker-Stücke harmonisiert »nachspielen«. Ein Vollblutmusiker in seinem Element. Hören, mitwippen, eigentlich fast mitspielen und anderen erläutern, worin der Zauber besteht, der aus den Lautsprechern klingt.

Schallplatten Stapel Frank Berzbach Jazz Artikel

»Jazz ist immer etwas für eine Minderheit geblieben, die meisten hören kommerzielle Musik. Oder Klassik, in die das ganze Geld der Kulturförderung fließt«, sagt er nicht melancholisch, sondern als Feststellung. Jazz ist bis heute die unkommerziellste Musik. Man stößt dort auf Leute, die handwerklich brillant und voller Freude Musik machen. Bis heute steht im Jazz unangefochten auf Platz eins: die Musik. Alte Jazz-LPs dokumentieren das, jede Platte hat eine Geschichte. Wer also genug hat vom kommerziellen Geschacher, der sollte sich auf dem Flohmarkt ein paar alte Jazz-Scheiben kaufen. »Hör dir Phil Woods an, unfassbar, unfassbar, hör dir das an!«, Stefan tänzelt wieder durch den Raum, auf dem Weg zur nächsten LP, die er auflegt. Es könnte immer so weiter gehen.

Kommentierte Empfehlungen von Stefan:

Singers Unlimited, „Feeling Free“. Eine der ersten Platten, die ich hatte. Chorgesang in Perfektion mit einer tollen Band.

Mel Lewis Big Band „Live in Montreux“. Eine tolle junge Band, mit einem Altsaxophon Hero, Dick Oatts, spielt unter der Leitung von Mel Lewis Kompositionen von Herbie Hancock, arrangiert von Bob Mintzer. (Jetziger Chefdirigent der WDR Big Band.)

Marty Paich, „The Broadway Bit“, Musicalklassiker arrangiert von Marty Paich, gespielt von einem Dektett, bestehend aus den besten Westcoastmusikern. Unter anderem Art Pepper, Jack Sheldon und natürlich Mel Lewis am Schlagzeug.

Phil Woods „Integrity“, ein Livealbum mit seinem Quintett. Mein Saxophonhero in Topform.

Charlie Parker, „One night in Washington“. Ein weiterer Hero geht ohne die Musik zu kennen zu einer Big Band und spielt nach Gehör einfach mit. Unfassbar gut!

Sags deinen Freunden:

Send this to a friend