Indie-Held im Hintergrund

Jan Lankisch ist ein musikalischer Tausendsassa. Als Labelbetreiber, Festivalkurator und Vinyl-Liebhaber prägt er seit bald 20 Jahren die Kölner Musiklandschaft.

Manchmal führt der Zufall zu den interessantesten Begegnungen. Nachdem ich im Internet eine rare Platte erstanden habe, schreibt mir der Verkäufer: „Du kannst auch direkt vorbeikommen und das Album persönlich abholen.“ Da die genannte Adresse um die Ecke liegt, mache ich mich auf den Weg. Wenig später betrete ich eine Erdgeschosswohnung im Kölner Stadtteil Nippes. Jan Lankisch begrüßt mich mit einem breiten Lächeln. Hinter ihm erstreckt sich über die ganze Länge des Flurs eine imposante Vinylsammlung. Zahlreiche Psychedelic-Raritäten, ungewöhnliche Avantgarde-Scheiben, viele Singer-Songwriter. Dazu ein ganzes Regalfach mit den von ihm besonders geschätzten Beach Boys. Sortiert hat er nach Stilen und Ländern. Links oben beginnt es mit den 60er Jahren in den USA. Der Blick wandert durch die englische Popgeschichte von Beat und Punk bis Electronica. Schließlich ende ich rechts unten bei Kölner Elektronikern. „Irgendwann muss ich einen Statiker holen“, sagt Jan lachend, als ich mich beeindruckt von der Sammlung zeige. „Der Vermieter ist schon skeptisch, ob der Boden das noch lange aushält.“

Ein paar Tage später besuche ich Jan ein zweites Mal. Diesmal, um in Ruhe über seine Liebe zur Musik zu sprechen. Kurz vor der Jahrtausendwende zieht es den 1978 geborenen Heilbronner nach Köln. Zu dieser Zeit ist die Stadt am Rhein Deutschlands Musikhauptstadt. Labels wie Kompakt, a-musik und Whirlpool Productions entwickeln den minimalistischen „Sound of Cologne“. Lankisch ist begeistert von der Dynamik der Musikstadt, in der man den Musikmachern allabendlich beim Kölsch rund um den innenstädtischen Brüsseler Platz in die Arme läuft. „Und erst recht als ich entdeckte: Die Düsseldorfer mögen zwar Kraftwerk haben, wir aber haben Can!“, sagt er lokalpatriotisch verschmitzt. Nach einer Designausbildung schließt er sich dem Label Tomlab an. Später gründet er gemeinsam mit dem ehemaligen Intro-Chefredakteur Thomas Venker das Label Edition Fieber. Hier und da legt er als DJ auf. Vor allem aber begeistert ihn Livemusik. „Ich habe mich in der Zeit immer mehr geärgert, dass großartige Bands zwar in Berlin oder Hamburg oder sonstwo auftraten, aber nicht nach Köln kamen“, erzählt er. „Also habe ich nach einem Weg gesucht, das zu ändern.“ In einem von Kölns schönsten Clubs, der ehemaligen Rotlichtbar King Georg, beginnt Lankisch, seine Lieblingsbands auf die Bühne zu bringen. Das klappt so gut, dass er mittlerweile auf eine beeindruckende Serie von mehr als 270 Konzerte zurückblicken kann. Mac DeMarco, War on Drugs oder Thurston Moore sind nur einige der Künstler, die er nach Köln geholt hat.

Seit 2011 veranstaltet er zusammen mit seiner Freundin Theresa Nink sogar ein eigenes Festival. Das „WEEK-END“ ist der außergewöhnliche Entwurf eines sorgfältig kuratierten Musikprogramms, das in der Form nirgends sonst in Deutschland zu erleben ist. Im letzten Jahr gelang es beispielsweise die Avantgarde-Band Slapp Happy zu ihrem ersten Konzert seit 16 Jahren zu überreden – begleitet von der Krautrock-Legende Faust. Im Jahr davor fanden sich mit The Notwist und The Pop Group Bands in der Stadthalle Mühlheim ein, die das Herz des Indieliebhabers höher schlagen lassen. Als Besonderheit wird das Artwork des Festivals jeweils von herausragenden, zeitgenössischen Künstlern gestaltet: Olaf Nicolai, Albert Oehlen oder David Shrigley zeichneten schon für das Design verantwortlich.

Zum Abschluss zeigt mir Jan ein paar der von ihm veröffentlichten oder als Artdirector gestalteten Platten. Mehrere meiner Lieblingsalben sind darunter. Er weist leidenschaftlich auf besondere Schriftarten, die Textur des Covers oder ungewöhnliche Farbkombinationen hin. Dann zieht er zwei besondere Schmuckstücke aus dem Regal, an deren Veröffentlichung er mitgearbeitet hat: Zunächst eine auf 50 Stück limitierte, handnummerierte „Art-Edition“ von The Notwists Hauptwerk „Neon Golden“. Die zweite Scheibe legt Jan gleich direkt auf seinem Plattenspieler auf: Es ist eine Liveaufnahme aus dem Jahr 2012, bei der Stephen Malkmus Cans Meisterwerk „Ege Bamyasi“ in voller Länge spielt. Die LP ist in transparentem grünem Vinyl gehalten, passend zu der von David Shrigley gestalteten Dose auf dem Cover. „Zur Veröffentlichung am Record Store Day 2013 wollten dann wir etwas Außergewöhnliches machen“, erinnert sich Jan. „Also haben wir am Ebertplatz für einen einzigen Tag einen Plattenladen eröffnet, um dort das Album zu verkaufen.“ Die halbe Kölner Musikszene blätterte an dem Tag durch die ausgestellten Platten und amüsierte sich bei Fachgesprächen. Hinter der Theke priesen Ekimas von den Erdmöbeln oder Suzie Kerstgens von Klee die Vinylkultur. Solche Augenblicke machen Köln zu einer faszinierenden Popstadt. Jan Lankisch ist einer der Helden im Hintergrund, die beständig dafür sorgen, dass dies so bleibt.

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