„Ich habe aufgehört, wie ein Plattensammler zu denken und fühlen.“ - Plattenshoppen in Shibuya mit Chee Shimizu

Eine gewisse Überraschung kann ich nicht verheimlichen, als mir Chee Shimizu vorschlägt, sich mit mir in Shibuya zu treffen. Ich hatte den japanischen Tausendsassa (DJ, Plattenhändler und Labelmacher) doch angesprochen, um in die geheimsten Ecken der Stadt geführt zu werden. Und nun bestellt er mich per Email in jenen Stadtteil von Tokyo, der zwar immer noch Epizentrum der Stadt gilt, aber eben im kunterbuntes touristischen Sinne.

Als ich Chee Shimizu bei unserem persönlichen Zusammentreffen vor der HMV Filiale in Shibuya von meiner Irritation berichte, reagiert er mit einem dieser in sich ruhenden Lächeln, wie sie einem nur in Japan begegnen. Halb gespeist vom Wissen um jene Erklärung, die er mir gleich geben wird, aber eben auch im Bewusstsein des Grundes, den er nicht aussprechen wird, ganz im Geiste der japanischen Eigenart nie alles zu offenbaren und gerade das Speziellste, Tollste und Sonderbarste verschlossen zu halten: „Vor vielen Jahren waren hier in Shibuya noch so viel mehr Plattenläden. Man nannte den Stadtteil sogar „Recordstore-Town“. Aber dann kam es vor ungefähr zwanzig Jahren zu einer Wirtschaftskrise im Land, die die Musikbranche heftigst traf, viele Läden mussten schließen oder in billigere Stadtteil umziehen. Allein in diesem Gebäude, wo heute nur noch diese neue HMV-Filiale ist, waren einst zehn Plattenläden. Und trotzdem ist Shibuya noch immer der bestimmende Ort neben Shinjuku and Shimokitazawa. Dort finden sich vielleicht die exotischeren Läden, aber die hier geben den Ton an.“

Während er mir das erzählt, sitzen wir im Café Renoir über der HMV-Filiale, in der wir unsere Tour begonnen haben. Als die einst britische HMV-Kette vor zwei Jahren in den Besitz eines neuen japanischen Eigners überging, wurden bestehende Filialen geschlossen wurden und neue eröffnet. Jene in Shibuya ist so etwas wie der Brand Store, von dem aus auch viele andere Filialen betreffende Entscheidungen ausgehen. Zum Beispiel das hauseigene Label, auf dem seitdem bereits 200 Reissues erschienen sind – fünf davon zusammengestellt von Chee Shimzu. Ganz aktuell eine Compilation mit japanischem Psychedelic Rock mit dem Titel „More Better Days“ sowie die 7-Inch „Colored Music / Heartbeat“ des Duos Colored Music.

Vor dem 7-Inch-Raum stellt Chee Shimizu mich seinem Freund vor, der ihn für den Kompilierungsjob angeheuert hat. „Sie brauchten jemanden mit einem genreübergreifenden Wissen und dem Talent, ein Feld auf eigene Art und Weise aufzuarbeiten“, erklärt Shimizu seine Rolle. „Beides hat er mir zugetraut.“

Neben der freundschaftlichen Verbindung verdankt er die Anfrage auch seinen eigenen Labelaktivitäten mit 17853. Auf dem Label sind in den letzten drei Jahren liebevoll zusammengestellte Wieder- und Neuveröffentlichungen von Riccardo Sinigaglia, Synth Sisters, Miyako Koda und Hiroshi Yoshimura erschienen, deren freigeistige Soundreise von Avantgarde-Pop über Psychedelic-Electronic hin zu japanischer Popmusik und Ambient sehr gut den offenen Musikhorizont des Mannes dahinter repräsentiert.

Selbst auf dem kurzen Weg von der HMV-Filiale zum Café Renoir drängt sich noch ein Stopp im benachbarten RECOfan Store auf.  Während Chee Shimizu früher hier viel und erfolgreich nach vor allem japanischen Platten gesucht hat, kommt er mittlerweile eher selten in den versteckt im vierten Stock gelegenen Plattenladen, da die Preise durch den grassierenden Hype um japanische Musik kaum mehr Schnäppchen zulassen. Ein gutes Beispiel sei die Preisentwicklung von Midori Takada, merkt er an. „Es ist noch nicht so lange her, da konnte man Originalpressungen von ihren Platten noch für 500 Yen (um die 4€) finden, mittlerweile muss man eher 20.000 Yen bezahlen – und sie ist noch nicht Mal vor Ort hier in Japan populär, das ist nur der Einfluss der weltweiten Nachfrage.“

(K)ein Sklave der Platten

Womit wir auf jenem Terrain angekommen sind, das aktuell Chee Shimizus Hauptberuf ist: Der An- und Verkauf von Schallplatten. Als Shimizu mit Ende 20 seinen Job als Grafikdesigner aufgegeben hat, da er mit zunehmenden Alter dem Arbeitsdruck in der Branche nicht mehr standhalten konnte („Obwohl ich samstags meistens lange auflegte, musste ich auch sonntags immer zur Arbeit. Das war nicht gut für mich. Der Schlaf kam zu kurz.“), gründete er Organic Music, einen Plattenversand, der mittlerweile so viel mehr als nur ein Plattenversand ist. Denn was einst im Netz (Ebay, Discogs und Webseite) begonnen hat, findet aktuell auch in den Bars und Clubs die sozial eingebundene Fortsetzung. Chee Shimizu hat sozusagen das Djing mit dem Plattenverkaufen fusioniert. „Alles, was ich mache, ist mit Business verbunden“, kommentiert er sympathisch lachend. „Jede Platte, die ich spiele, ist käuflich. Man kann selbst während meines Sets zu mir kommen und sie erwerben – wobei danach natürlich besser ist. Es gibt bei mir keine Trennungslinie zwischen privater Sammlung und dem Verkaufsrepertoire. Ich verkaufe absolut alles, selbst meine Lieblingsplatte. Das ist mein Style. Ich kann sie ja wieder kaufen. Es ist doch so: Wenn ich zu sammeln beginnen würde, dann würde ich zum Sklaven der Platten verkommen und könnte sie nicht mehr verkaufen. Und so habe ich aufgehört, wie ein Plattensammler zu denken und fühlen.“

Schon lange findet dieses Geschäftsmodell auch außerhalb Japans statt. In typischer Chee-Shimizu-Manier hat er auch seine Reisen nach Europa, die er in halbjährlichem Turnus zum Verkauf und Neueinkauf von Platten unternimmt, geschickt mit dem Auflegen in Einklang gebracht. Zunächst gefördert von Freunden im Umfeld des Salon des Amateurs in Düsseldorf und von Red Light Records in Amsterdam, mittlerweile aber auch aktiv nachgefragt von immer größer werden Markt für Djs, die sich nicht dem engen Club-Dogma ergeben wollen, sondern an der Melange unterschiedlichster Stile interessiert sind.

Alles ist möglich

Insofern mehr als passend, dass sich Chee Shimizu schon lange nicht mehr durch Stilgrenzen einschränken lässt – weder als DJ noch als Plattenhändler. „Mit 20 habe ich nur House und Techno aufgelegt, aber mit wachsendem Alter ging mir die Energie und das Interesse für den immer gleichen 4-to-the-Floor-Beat verloren. Ich begann, auch andere Musik zu hören. Zunächst Jazz, Funk und Soul, da ich in diesem Genres bereits gute Kenntnisse über das Club-Jazz-Movement um Leute wie Gilles Peterson, Jazz Warriors, Guru, Norman Jay hatte, deren Stil ich sehr schätzte, aber dann auch darüber hinaus in den Bereits von Weltmusik, Ambient, New Wave und Experimenteller Musik.“

Wichtig für die Genese seines freien Musikverständnisses seien die regelmäßigen Sets in DJ-Bars wie dem Shelter und dem Forest Limited in Tokyo, merkt Chee Shimizu an. „Dort konnte ich meine Fan-Leidenschaft für einen engen Kreis an Freunden und Kunden ausleben, die auf der Couch saßen und zuhörten. Ich mag es sehr, so aufzulegen: Alles ist möglich, da die Leute offen sind.“

Diese Form der Musikerziehung habe dazu geführt, dass nun auch junge Leute Experimentelle Musik und Ambient auflegen würden und immer wieder neue kleine Läden aufmachen. Chee Shimizu scheint ein gewisses Glitzern in meinen Augen zu sehen, denn umgehend ergänzt er, dass ich mir keine falschen Vorstellungen über den Umfang dieser Bewegung machen solle, es seien gerade mal 100 Leute in Tokyo, die sich für diesen Sound interessieren.

Mittlerweile haben wir unseren Kaffee ausgetrunken und Chee Shimizu bestimmt eine Schachtel Zigaretten mit mir (passiv) geteilt – in Japan darf man angenehmerweise noch oft in Bars, Restaurants und Clubs rauchen. Wir machen uns wieder auf den Weg. Als erstes steht ein Stopp in der lokalen disk union Filiale  an. Insgesamt hat die Kette mehr als zehn Filialen über die Stadt verteilt, fein säuberlich nach Genres getrennt, wobei das mehr der fehlenden Verfügbarkeit einer großen Location geschuldet ist als dem Schubladendenken der Betreiber. Wie HMV kauft auch disk union viele Platten in Amerika und Europa ein. Die Auswahl ist dementsprechend sehr gut. Chee Shimizu schätzt die Kette für die sehr fairen Preise. Schnäppchen findet man aber auch hier kaum noch.

Für disk union hat Chee Shimizu ebenfalls bereits eine Compilation zusammengestellt. Während er für HMV die Geschichte der japanischen Pop- und Rockmusik aufarbeitet, durchwühlt er für sie jedoch die Weltmusiken.

Danach schauen wir noch kurz bei Lighthouse Records rein, die den Schwerpunkt auf Dance Music legen. Chee Shimizu steuert hier ausnahmsweise sehr direkt auf das Neuheitenregal zu, da ihm der Plattenladenbetreiber berichtet hat, dass die Wiederveröffentlichung von Satoshi & Makotos „CZ-5000 Sounds & Sequenzer“ eingetroffen sei, für deren Booklet er ein Interview mit den beiden geführt hat. Es ist das erste Mal, dass Shimizu die fertige Platte sieht, sein Belegexemplar hängt noch in der Post fest. Ein kurzer Moment der Anspannung, wie wir ihn alle bei der Erstmusterung eines fertigen Artefaktes kennen, dann hellt sich das Gesicht auf: Alles sieht gut aus.

Da in Japan noch mehr als in anderen Ländern die Maxime nach der Arbeit ist vor der Arbeit gilt, müssen wir nun zum Ende unserer Plattentour kommen. Chee Shimizu muss noch die Plattenkisten für Europa packen – es stehen schließlich Aufritte in Amsterdam, Budapest und Berlin an.

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