Forget The Other Guys

Unser Autor Bob Sala hat sich auf Schatzsuche in den Keller seines Vaters begeben. Dabei sprachen sie über Zeiten, als Hertie noch der Vinyl-Dealer der Kleinstadtjungen war und über Botschaften auf Plattenhüllen von der ersten Freundin.

Irgendwann im Sommer 1966 muss sich meinem Vater eine völlig neue Welt eröffnet haben. Ich stelle ihn mir gern wie den Jungen in „Almost Famous“ vor, wie er nachts heimlich den Plattenspieler seiner Mutter in sein Zimmer trägt und diese eine Platte auf den Teller legt, die ihn sein Leben lang begleiten soll. Die blechernen Drums von „Hold Tight“ pumpen sein Kinderzimmer und sein Herz erstmals voll mit der Sehnsucht nach dem wilden Leben außerhalb der westfälischen Kleinkrämerei. „Hold tight, count to three, gotta stay close by me“.

Den Song von der Band mit dem unmöglichen Namen „Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich“ hatte er zuvor wahrscheinlich im Radio, bestimmt im Deutschlandfunk gehört und sich Titel und Interpret säuberlich auf einem der unzähligen Abrissblöcke notiert, die mein Großvater immer wieder von seiner Firma geschenkt bekam. Die einzige Möglichkeit, sich in den 60ern in einer Kleinstadt Tonträger zu beschaffen, war die Elektonikabteilung bei Hertie. Dort hatte er die Platte mit dem unpersönlich schwarz-weiß gestreiften Cover bei den 45er Singles gefunden, drei Mark auf den Tresen gelegt und war mit fliegenden Beinen zurück aufs Dorf geradelt.

Das war etwas mehr als 10 Jahre bevor er mit seinem orangenen Ford Capri II meine Mutter bei ihren Eltern abholen würde, Schlaghosen, Lederplateauschuhe und gelbes College-Shirt, und etwas mehr als 50 Jahre bevor er jetzt wieder vor mir die dunkle Treppe in unseren Keller absteigt und Kurs auf seine Plattensammlung nimmt. Dieses Ritual pflegen wir etwa alle paar Jahre, wenn mein eklektischer Musikgeschmack sich wieder genügend verändert hat, dass sich ein weiteres Durchschauen lohnen könnte. Die Sammlung meines Vaters gewinnt für mich über die Jahre an Qualität, da ich immer wieder Bands darunter finde, die ich kürzlich erst für mich entdeckt habe und mich wie über eine Neuerscheinung freue, sie bei ihm in den Kisten zu finden. Einige Teile des Kellers standen in den 30 Jahren seit unserem Einzug ab und zu unter Wasser. Manchmal riecht es noch ein wenig danach. Aber nicht im alten Partykeller, wo mein Vater seine knapp 2000 Platten in selbstgebauten kleinen Kisten meines Opas lagert. Die Kisten stehen auf der alten Theke und in den Regalen, falls doch mal wieder ein Unwetter die Keller durchspült.

Mein Vater verschwindet vor mir im Dunkel und betätigt die versteckten Schalter hinter der Theke. Eine farbige Lichterkette füllt den Raum mit orange-grünem Licht und in der Ecke sieht man das weiße Licht der Laterne vor dem Haus durch das Kellerfenster scheinen. Ich habe unzählige Kisten mit Dias meiner Eltern bei mir zuhause. Neben Urlaubsfotos und versuchten Sportaufnahmen bei Sandbahnrennen wurde vor allem das rotwangige Eierlikörtreiben in den dunklen Partykellern der Nachbarschaft zwischen 1977 und 1989 dokumentiert. Jetzt steht der Raum voll mit Umzugskisten, einem Heimtrainer und Gartenmöbeln. An den Wänden hängen gespiegelte Bilder von Fußballvereinen, eine Sammlung Bierdeckel klebt an der Holzverkleidung der Theke. Mein Vater bleibt neben mir stehen und beobachtet mich, während ich die Kisten durchforste. Ich weiß nicht viel über ihn. Er ist nicht gerade offen im Umgang mit seiner Vergangenheit. Nur wenn wir Zeit mit seinen Platten verbringen, schaffe ich es, ihm einige Details aus der Jugend zu entlocken. Es sind Plattengespräche, nie Männergespräche. Mit Ausnahme von heute. Wir suchen nach seiner ersten Platte, der erwähnten Pressung von „Hold Tight“. Viele seiner ersten Platten waren von dieser Band mit dem unwirklichen Namen.

Ich erinnere mich an einen Nachmittag Ende der 80er. Ich hatte stundenlang geübt, diesen Bandnamen richtig auszusprechen und dann versucht bei einem der Oldiesender im Kabelnetz bei einer Wunschkonzertsendung durchzukommen. Beim vierzigsten Versuch, vielleicht waren es auch fünfzig, kam ich endlich durch und durfte meinen Text auf Band sprechen: „Hallo, mein Name ist Robert Sala und ich wünsche mir für meinen Vater „Hold Tight“ von „Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick und Tich“. Alles Gute zum Geburtstag!“ Als ich aufgelegt hatte, sprangen meine Mutter und ich tanzend auf dem Sofa herum. Dass die Aufnahme niemals gesendet wurde, tat unserer Freude keinen Abbruch. Wir hatten es ins Radio geschafft, das stand für uns fest, also erzählten wir es überall herum.

Auch seine zweite Single war von DDDBMT und als wir sie finden ist darauf mit schwarzem Filzstift eine Nachricht zu lesen. Bei einigen Platten ist das der Fall. Die Nachrichten müssen von seiner ersten Freundin sein. Als ich ihn danach frage, lächelt er nur. In meinem Kopf sofort ein Film: wie mein Vater seine ersten Freundinnen über die schmalen Äste des Pflaumenbaums auf das Garagendach klettern lässt, von dort über das Wellblech des Gartenhäuschens bis zum Fenster seines Zimmers im ersten Stock. Und wie er mit ihnen bis tief in die Nacht seine Platten hört, rumknutscht und Pläne schmiedet. Plötzlich ist er mir sehr nah. Seine erste Platte finden wir aber leider nicht. Dafür Unmengen anderer kleiner Schätze, die ich mir in eine Tüte Packe. Die Sammlung besteht neben ein paar Bertelsmann Compilations und Partyhits zu 99% aus Singles. „Wieso sollte ich mir ein Album kaufen, wenn die guten Songs sowieso als Single erscheinen.“ In der Hinsicht waren wir schon immer anderer Meinung. Er notiert sich jede Scheibe, die ich mir zur Seite lege in einem Heft. So hat er es früher schon gemacht. Seine Sammlung bleibt ihm heilig, nicht wie bei meinem Onkel, dessen Sammlung quasi unbrauchbar ist, da man in der Hülle von Black Sabbaths „Paranoid“ die gesammelten Stubenhits von Heintje findet, aber leider nicht umgekehrt. Wir planen immer mal wieder, seine Sammlung am Computer zu katalogisieren, aber er belässt es bei seinen Heftchen.

Als wir durch sind, wartet er, bis ich wieder aus der Tür des Kellers gehe, bevor er die Lampen wieder ausknipst. Er verschwindet im Dunkel, aber in meiner Vorstellung bleibt er in seiner Jugend wie leuchtend vor mir. Im Auto auf dem Heimweg spiele ich den Song Hold Tight von meinem Handy ab. „Hold tight, make me feel, what you say is for real“. Ich drehe die Boxen hoch und ich muss laut lachen. Weil ich genau weiß, wie mein Vater sich gefühlt hat. Mit 12 Jahren. Allein vor seinem Plattenspieler, der eigentlich für die Roy Black Scheiben meiner Großmutter angeschafft worden war. Völlig euphorisiert von der ganzen Energie, die dort durch die Nadel floss und ihm für immer eine Gänsehaut in die Haut tättowierte, ihn zum manischen Sammler machte. „And hold tight, shut your eyes… forget the other guys.“

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