Faszination Gegenkultur

Tief in der Vulkaneifel beherbergt der Vinylliebhaber Horst Maibach eine einzigartige Schallplattensammlung. 20.000 Singles aus den 50er, 60er und 70er Jahren machen seine Wohnung zu einer Zeitreise in die Popgeschichte.

Der Regionalexpress trödelt am malerischen Rheinufer entlang. Bad Godesberg und Remagen ziehen am Fenster vorbei. Umstieg in Andernach, dann geht es noch eine Viertelstunde weiter bis zu einem Bahnhof im Nirgendwo. Kruft liegt am Rand der Vulkaneifel, knapp 4.000 Einwohner. Hier hat Günter Grass Teile seines Romans „Örtlich betäubt“ angesiedelt. Es wird Bimsstein abgebaut, die Zementwerke, Ton- und Tuffgruben prägen die Umgebung.

Mitten im Ortskern lebt Horst Maibach. Er ist in Kruft geboren und sammelt seit über 50 Jahren Tonträger. Rund 20.000 Singles aus allen Bereichen des Beat, Rock’n’Roll, Glam und Punk hat er seither zusammengetragen. Zahllose LPs, CDs, Konzertposter und Zeitschriften ergänzen die Sammlung. Aber Maibachs Leidenschaft gilt vor allem den in unzähligen, bunten Mappen aufbewahrten 7‘‘-Scheiben, die sich über fast alle Räume der Wohnung verteilen. Sie sind auch heute noch bewegende Dokumente der Pop-Revolution und machen einen Besuch bei Horst Maibach zu einer Zeitreise in den Sound der 50er, 60er und 70er Jahre.

„Links in diesem Regal steht der englische Beat – erst Beatles, dann Stones, dann Hollies, in meinem persönlichen Ranking“, erklärt er bei einem Rundgang durch die Zimmer. „Und rechts geht es weiter mit dem US-Beat“. Zielgerichtet holt er eine Mappe nach der nächsten heraus. Die Coverästhetik, die Bandfotos, die Songtitel rufen ganze Welten hervor. Genau deshalb verehrt Maibach besonders die deutschen, holländischen und skandinavischen Pressungen aus der Zeit, weil sie Picture-Sleeves besitzen und nicht (wie die amerikanischen und englischen) überwiegend neutrale Company-Sleeves. Er zeigt mir die erste Single der Rolling Stones „Come On“ von 1963 und die Originalpressung von „My Bonnie“ mit den Beatles noch als „The Beat Brothers“. Obskures wie die Spencer Davis Group mit ihrer Single „Det war in Schöneberg“ ist dabei, ebenso wie viele 7‘‘-Veröffentlichungen regionaler Bands in Kleinstauflage. Singles von Beat-Gruppen wie The Rebbels aus Koblenz, die es zwar nie in die Charts schafften, die popmusikalische Revolution der 60er Jahre aber von London und New York aus bis in die Musikboxen der ländlichsten Orte trugen. (Einen Einblick in die Musikkultur dieser Epoche gibt übrigens auch Michel Massmünster in seinem Porträt des Basler DJs Tom Best.)

Maibachs Sammelleidenschaft beginnt damit, dass seine Eltern im Erdgeschoss des Hauses einen Rundfunkladen betreiben. Hier gibt es neben technischem Equipment eine Schallplattenecke und einen Vorführplattenspieler. Singles sind teuer in den mittleren 60er Jahren; ein Hit kostet den Stundenlohn eines Arbeiters. Doch der Händlerrabatt hilft Maibach, sich zu versorgen. Außerdem darf er sich für gute Noten oder zum Geburtstag aus der Schallplattenecke eine Single, manchmal auch eine Langspielplatte heraussuchen.

Mit zehn, elf Jahren lässt er sich von der Beat-Welle mitreißen: Beatles, Stones, aber auch deutsche Bands wie die Rattles oder die Lords begeistern ihn. In der „Bravo“ oder den Magazinen „Musik Parade“ und „Muziek Express“, an die in der abgelegenen Eifel nicht immer einfach zu kommen ist, informiert er sich über angesagte Neuerscheinungen. Am frühen Abend hängt er vor dem Radio, um Manfred Sexauer zuzuhören, wie dieser in der Sendung „Hallo Twen“ die Neuerscheinungen aus England und den USA vorstellt. Auch die britische Hitparade auf BFBS liefert Informationen, läuft aber so spät, dass er seinen drei Jahre älteren Bruder bitten muss, die Sendung für den nächsten Morgen auf Tonband aufzunehmen.

Man darf nicht vergessen: Es ist es nicht leicht, Beat-Fan in der Eifel der 60er Jahre zu sein. Die gegenkulturelle Revolution polarisiert zu dieser Zeit, erst recht auf dem Dorf. Clubs und Discos gibt es noch nicht, es ist die Zeit der Jugendbälle. Dass die Beatles lange Haare tragen ist ein Skandal. „‘Hottentottenmusik‘ schimpften das die Älteren“, erinnert sich Maibach. „Aber mich hat diese ganze Gegenkultur komplett begeistert.“ Als er sich selbst die Haare wachsen lässt, wird er von seinem Großvater mit dem Zollstock zum Friseur geschickt. Aber die Invasion der Popmusik ist nicht aufzuhalten. 1970 konzertieren The Rattles in Kruft. Für Maibach und viele andere Jugendliche in der Region ist das eine bis heute unvergessliche Sensation.

In den 70er Jahren erweitert sich Maibachs Musikgeschmack. Progressive-Musik und auch Punk interessieren ihn. Mit Dr. Ottos Rockshop gründet er selbst eine Band und es gelingt sogar, eine Single aufzunehmen, die im regionalen Radio gespielt wird. Auch als Konzertveranstalter betätigt er sich. Aber die Sammler-Liebe für die kleinen schwarzen Scheiben aus den 60er und 70er Jahren lässt ihn nicht los. Zunehmend sucht er Aufnahmen, die im Schatten der großen Hits entstanden. Er sagt: „Das ist bis heute so: Immer wenn ich rausfinde, dass dieser oder jener Interpret vor seinem Erfolg in einer anderen, unbekannten Band war, dann wird es für mich erst richtig spannend.“ So wird er ab Anfang der 80er Jahre Teil einer Szene aus Vinylsammlern, die sich auf Flohmärkten und Plattenbörsen treffen oder sich per Post und Anruf über neue Fundstücke informieren. „Aber um Profit ging es mir dabei nie“, erzählt er und ergänzt lachend: „Immer, wenn ich mal 500 Mark in der Kasse hatte, habe ich auch gleich wieder 480 Mark für neue Platten ausgegeben.“

Maibachs fast enzyklopädisches Wissen über die Musik der 60er und 70er Jahre macht ihn mittlerweile zu einem gefragten Experten. Musikjournalisten bitten für Bücher über die Beat-Zeit um Auskunft, in Sammelbänden finden sich Scans der Cover „seiner“ Singles, auch an der Zusammenstellung einer CD-Compilation regionaler Beatbands hat er mitgewirkt. Immer wieder greifen Musikfans auf sein Wissen zurück, wenn es darum geht, die Discographie einer Band zu vervollständigen. Liebevoll hat er Teile seiner Sammlung auf der Webseite www.chartsfreak.de aufbereitet.

Beendet ist seine Suche nach besonderen Veröffentlichungen dennoch nicht. Mindestens eine 7‘‘ fehlt ihm noch: Die 1965 veröffentlichte deutsche Version des Tempations -Hits „Mein Girl“. „Ja, die hätte ich noch gerne“, sagt Maibach und auf seinem Laptop ist eine Sammlerwebseite geöffnet.

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