Every Record Tells A Story

Nilz Bokelberg sinniert Vinyl in Filmen

In Hollywood spielt der glamouröse Tonträger immer schon eine tragende Rolle. Als Singles, die sich am Tatort noch in der Leer-Rille drehen, als erzählerische Requiste, oder auch nur der Needle-Scratch als akustischer Effekt in Trailern. Einer, der sich hier auskennt wie kaum ein anderer, ist Film- und Plattensammler Nilz Bokelberg

Zwei meiner größten Leidenschaften sind Film und Vinyl. Ich sammle beides gerne, vermutlich weil mir irgendwo im tiefsten Inneren meines Sammlerherzchens bewusst ist, dass die verfügbare Anzahl an Objekten in beiden Gebieten so groß ist, dass ich sowieso nie alles besitzen werde. Und das beruhigt ungemein. Wenn ich eh nie alles haben kann, dann habe ich zu jedem Zeitpunkt schon alles, was ich haben kann. Und jede weitere Platte ist ein Bonus meiner eigenen Sammlung, die völlig unkategorisch, nur nach meinen eigenen Maßstäben wächst und bestückt wird. So verhält es sich auch mit meinen DVDs und BluRays. Wie schön also, wenn sich Leidenschaften überschneiden.

Schon bei den Trailern geht es los: Fast jede Komödie hat diesen einen Moment, in dem jemand etwas sagt und jemand anderem dann plötzlich auffällt, dass das Quatsch ist oder falsch oder schlimm – und für uns, den Zuschauer, auf jeden Fall immer lustig. Klassisches, bekanntes Motiv. Diese Art Witz wird auf der akustischen Ebene im Trailer fast immer so unterstützt: Die normale Trailermusik läuft und bricht an besagter Stelle abrupt ab, mit einem lauten und deutlichen grrriiiiirrrrppp!!! Dem sogenannten Needlescratch. Das schlimmste Geräusch für jeden Plattensammler, wenn eine Nadel über eine Platte kratzt, ist hier die akustische Untermalung eines Misshaps, eines Ungeschicks. Und das Schönste: Das Geräusch versteht jeder sofort. Man hört ihm sofort das Missgeschick an. Deswegen eignet es sich für Humor besonders gut. Und gleichzeitig macht es Vinyl, auf eine sehr eigene Art und Weise, unsterblich.

In Filmen selber wird die Platte ganz anders eingesetzt. Als ideales Medium hat sie sich beispielsweise für das Thriller-Genre erwiesen. Zum Beispiel in Sea of Love aus dem Jahre 1989. Eine Besonderheit, die die Polizisten an jedem Tatort entdecken, ist ein Plattenspieler, auf dem sich noch die 7″ von Phil Phillips & The Twilights „Sea of Love“ dreht. Sozusagen als Visitenkarte. Das Knistern der Platte, das auch eine Art akustische Narbe ist. Narben, Schnitte, Schmerzen. Gefühle, die einem Plattensammler nicht fremd sind, wenn man beim Stöbern sieht, wie der Typ, der vor einem an der Kiste ist, die Rosinen rauspickt..

Es gibt auch Fälle, in denen die Schallplatte das Glück ist. Die Sonne. Die Freude. Die Freiheit. So wie in Almost Famous, dem dezent autobiografischen Film von Cameron Crowe, in dem er erzählt, wie er als jüngster Redakteur aller Zeiten einen Text für den Rolling Stone schreiben durfte. Ziemlich zu Beginn des Films zieht seine große Schwester aus dem Familienhaus aus, um mit ihrem Freund nach San Francisco durchzubrennen und sich so ihrer alleinerziehenden Mutter zu entziehen. Ihren kleinen Bruder lässt sie zurück. Aber sie weiß, dass sie ihm etwas geben muss, damit er sich auch eines Tages von seiner Mutter befreien kann. Kurz bevor sie losfährt beugt sie sich zum Abschied zu ihm und sagt: „One day, you’ll be cool … Look under your bed. It’ll set you free.“ In der nächsten Szene sehen wir, wie der kleine Junge eine große Tasche unter seinem Bett hervorzieht. Als er sie öffnet, kommt ein Stapel Platten zum Vorschein. Als erstes direkt die „Pet Sounds“ von den Beach Boys. Er blättert durch die Platten. Rolling Stones, Bob Dylan, Led Zeppelin, Joni Mitchell und viele mehr. Was er noch nicht weiß, weiß der Zuschauer schon jetzt ganz genau: Diese Platten werden sein Leben verändern.

Aber Vinyl kann, zumindest im Film, noch viel mehr. Leben retten beispielsweise. In Simon Peggs und Edgar Wrights Shaun of the Dead gehen die beiden Freunde Shaun und Ed auf Zombie-Jagd. Schnell finden sie raus, wie sie den Untoten beikommen können: Kopf ab. In die Enge getrieben haben Ed und Shaun eine Blitzidee und öffnen Shauns Plattentasche, um mit den Vinylscheiben als scharfkantige Frisbees die Köpfe der Zombies von ihren Körpern zu trennen. Das schönste an der Szene ist die Absprache der beiden, denn Ed muss vor jeder Platte fragen, ob es okay sei, diese als Waffe zu nutzen. Die Situation mag lebensbedrohlich sein – aber das ist ja noch kein Grund, seine Sammlerprinzipien über Bord zu werfen. Während also zum Beispiel Prince’ „Purple Rain“ und „Sign o’ the Times“ nicht geworfen werden dürfen, sagt Shaun zum Batman Soundtrack nur kühl: „Throw it.“ Platten können Leben retten. Diese Szene kann nur als Verbeugung vor der Leidenschaft des Vinylsammelns verstanden werden.
In Clockwork Orange geht Alex an eine Art Vorhörtheke im Plattenladen, wo er prompt zwei Mädchen kennenlernt, die ziemlich metaphorisch an ihrem Eis am Stiel lutschen, und sie mit zu sich nach Hause nimmt, wo sie das Eis dann weglassen. Aber der Plattenladen ist so cool! Im Plattenfach an der Theke, an der Alex stehen bleibt, steckt der Soundtrack zu „2001 – Odyssee im Weltraum“ gleich als erstes drin. Kubrick grüßt sich selbst, schöner kleiner Spaß.

Vinyl hat seinen festen Platz in Hollywood. Egal, ob als lustiger Soundeffekt oder bedrohliches Symbol. Vinyl war immer da, fand immer statt. Es mag selten eingesetzt werden, aber wenn, dann immer mit Bedacht. Und das ist doch eigentlich das schönste Kompliment, dass man so einem Liebhaber-Medium machen kann. Im letzten Teil der Mission Impossible-Reihe bekommt Tom Cruise alias Ethan Hunt seinen neuesten Auftrag auf einer kleinen Vinylscheibe in einem Plattenladen in Wien. Wie cool ist das denn bitte? Ich guck gleich mal auf Discogs nach, ob ich die irgendwo finde.

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