Die Jagd nach dem schwarzen Gold

Reflexionen zur Psychopathologie des Plattensammelns

Der Kulturwissenschaftler und Vinylsammler Chris Elster hat seine Leidenschaft zum Forschungsgegenstand gemacht. Sein Thema: die Bedeutung der Schallplatte und des Schallplattensammelns im digitalen Zeitalter

Mit einer hölzernen Weinkiste voller Schallplatten zog ich 2004 nach Freiburg. Mit zehn prall gefüllten 100er-Kartons vier Jahre später weiter nach München. Was zur Hölle war in der Zwischenzeit passiert? Das wollte ich wissen. Ich begann über Schallplatten zu forschen, und wurde dabei immer wieder selbst zum Untersuchungsobjekt. Ich bin mit meinen Platten später noch drei Mal umgezogen. Und jeder Umzug ist eine gute Gelegenheit, sein Leben zu rekapitulieren. Umzüge sind wie Inventuren, bei denen man über seine Habseligkeiten mit sich selbst konfrontiert wird.

Seit einigen Jahren führt der Drogeriemarkt Müller in Günzburg, der süddeutschen Kleinstadt, aus der ich komme, wieder ein kleines Vinylsortiment. Als ich in den 90er Jahren begann, mich für Musik zu interessieren, gab es da nur CDs und ein paar Band T-Shirts, gleich neben der Parfümabteilung. Platten waren für mich damals nicht mehr als anziehende Relikte aus einer vergangenen Epoche – staubig, mit abgewetzten Covers, von der Musikindustrie totgesagt und von meinen Eltern in den Keller verbannt. Als ich sechzehn war, lud mich ein Freund meines großen Bruders nach einem Punkrockkonzert im Jugendzentrum zu sich nach Hause ein. In seinem kleinen Wohnzimmer stand ein Regal, das vom Fußboden bis unter die Decke reichte. Es war randvoll mit Schallplatten. Ich war beeindruckt – von der physisch ausladenden Ansammlung mir größtenteils fremder Musik und vom Wissen meines zehn Jahre älteren Mentors. Bis spät in die Nacht hinein nahmen wir Tapes auf. Drei 90er Kassetten voll: The Damned, Angry Samoans, Ramones, Stooges, m.o.t.o., snfu, The Sonics, Fuzztones, Miracle Workers …
Eifrig notierte ich die Interpreten und Songtitel, während er schon die nächste Platte, die nächste Spur in der Geschichte der Popmusik auf den Plattenteller legte. Wenn mich jemand fragt, woher meine Leidenschaft für Schallplatten kommt, erzähle ich meistens diese Geschichte. Sie hat sich in meiner Erinnerung eingerichtet, wie das biografisch relevant empfundene Großereignisse im Allgemeinen tun, unabhängig davon, ob sich der Sachverhalt in Wirklichkeit vielleicht viel komplexer dargestellt hat. Die meisten Musiksammler, mit denen ich für meine Forschungen gesprochen habe, beschreiben so ein Erweckungserlebnis, das einer Initiation gleichkommt.

Ich bin nach Freiburg gezogen, um Kulturwissenschaften zu studieren. Vornehmlich arbeitete ich aber bei Flight 13 Records, einem Musiklabel und Mailorder. An jedem Arbeitstag empfing ich kistenweise Lieferungen mit neuen Schallplatten. Paradiesische Verhältnisse! Ich sortierte die Platten in das große Lager, packte und verschickte Bestellungen an Kunden. Manche bestellten so regelmäßig, dass ich ihre Adressdaten auswendig kannte. Sammeln, da sind sich Psychologen einig, kann zwanghafte Züge annehmen. Sammler tragen Zerstreutes zusammen, machen das Chaos der Welt handhabbar. Auf Vinylsammeln übertragen: Der Makrokosmos der Popkultur konzentriert im Mikrokosmos des Plattenregals. Das kann Orientierung schaffen, aber auch zu einem vergeblichen Unterfangen werden. Sammeln wird häufig mit Sucht assoziiert. Im Englischen wird der Schallplattenhändler auch Pusher genannt und seine besten Kunden sind Vinyl-Junkies. In popkulturellen Kreisen kann dieser Begriff eine Auszeichnung sein – der Junkie kennt meistens auch den guten Stoff.

2008, zum Zeitpunkt meines Umzugs nach München, war in den Zeitungen immer wieder von einer Renaissance der Schallplatte zu lesen. Mich irritierte diese Feststellung, denn vieles von der Musik, die mich interessierte, gab es ausschließlich auf Vinyl. Ich beschloss, meine Magisterarbeit über dieses Phänomen zu schreiben und begann zu forschen, befasste mich mit Theorien über das Sammeln, über Subkulturen und die kulturelle Bedeutung von Dingen. Im gleichen Maß, wie mich diese theoretische Auseinandersetzung faszinierte, begann mich meine Sammlung zu nerven. Die Platten waren beim Umzug durcheinander geraten. Der französische Philosoph Jean Baudrillard meint, dass die Gegenstände einer Sammlung für ihren Besitzer ein geistiges Reservat bilden können. Schallplatten sind Erinnerungsträger, sie können zu Speichern eines Gefühls, eines Ortes oder einer Situation werden.

Das Durcheinander meiner Sammlung war wie eine Metapher für mein Selbstverständnis. Ich habe die Sphäre, in der ich heimisch geworden war, durch meine Forschung entmystifiziert. Die Ordnungen, in die ich mich eingefunden hatte, verloren an Plausibilität und erschienen mir nicht mehr selbstverständlich. Die Kulturanalyse hinterließ einen heftigen Kater.

Die New York Times hat einmal berichtet, das Hamburger Schanzenviertel habe die höchste Dichte an Plattenläden der Welt. 2013 zog ich an den Rand dieses Quartiers, meine Schallplatten im Gepäck. Ich bin nach Hamburg gekommen, um meine Doktorarbeit zu schreiben – über Formen des Musiksammelns im digitalen Zeitalter.

Die Schallplatte ist inzwischen weit über die Ränder subkultureller Szenen hinaus zu einem wichtigen Tonträger reüssiert – in Zeiten von Musikstreaming ein scheinbar anachronistisches Phänomen. Auch in digitaler Form wird Musik gesammelt: auf Smartphones, iPods, Laptops, Festplatten, USB-Sticks. Nie war so viel Musik so einfach verfügbar. Der Sammler wird vom Jäger zum Kurator.

Die Begeisterung für Schallplatten wirkt wie eine Antithese zu dieser Entwicklung. Das reizvolle an Schallplatten ist ihre Materialität, ihr Cover, ihr Gewicht, ihre Einzigartigkeit. Das unterscheidet sie von endlos kopierbaren körperlosen Soundfiles.

Musik kann in Form von Schallplatten Patina ansetzen, sie wird begreifbar. Die primäre Funktion von Schallplatten – Klang zu speichern – kann dabei bisweilen in den Hintergrund treten. Vielen Vinylscheiben liegt heute ein Downloadcode bei. Es muss kein Widerspruch sein, sie zu kaufen ohne einen Plattenspieler zu besitzen. Vinyl ist dann Artwork, Sammelgegenstand und Merchandisingartikel. The Medium is the Message!

Das Stöbern ist ein essentieller Bestandteil des Plattensammelns, bei dem die Sinnlichkeit der Schallplatte voll zur Entfaltung kommt. Und dabei fällt mir mittlerweile auf: Mein musikalisches Interessensgebiet hat sich erweitert. So wie bei meiner Initiation in die popkulturelle Sphäre vor sechzehn Jahren stoße ich immer wieder auf fremde Welten, in die ich mich hineinziehen lasse. Doch der Ehrgeiz, sie sammelnd zu entschlüsseln, ist einem befreiten Vergnügen gewichen.
Meine eigene Sammlung hat sich inzwischen dezentralisiert, wie die vieler meiner Interviewpartner. Meine Musik liegt verteilt auf meinem Smartphone, in online erstellten Playlisten, einem iPod und natürlich in meinem Plattenregal. Vielleicht ist es mal wieder an der Zeit, meine Sammlung neu zu ordnen.

Was die Sammelleidenschaft mit Rob Fleming, dem Protagonisten in Nick Hornbys Roman „High Fidelity“ zu tun hat und wie eine Begegnung zweier nach Platten stöbernder Menschen abläuft, das steht im vollständigen Text von Chris Elster in Ausgabe 1/2016 der Vinyl Stories.

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