Wenn nicht jetzt, wann dann? – Das Musikarchiv NRW

Aus seiner privaten Musiksammlung hat der Kölner Musikenthusiast Matthias Schuhmacher das „Musikarchiv NRW“ gemacht. Hier rettet er einzigartige Sammlerstücke der Musikgeschichte vor dem Verschwinden.

Jeder leidenschaftliche Musiksammler fürchtet den Moment, an dem unweigerlich klar wird, dass es so nicht weitergehen kann. Die letzte Zimmerwand ist mit einem Plattenregal bestückt und der vollgestopfte Keller zwingt endgültig zu einer Antwort auf die Frage, was denn aufbewahrenswert ist und was irgendwann einmal aussortiert werden müsste, um Platz für das nächste, übergroße Deluxe-Vinyl-Boxset zu schaffen. Auch für den Kölner Musikenthusiasten Matthias Schumacher kam eines Tages dieser Zeitpunkt. Die Lösung fand sich an der Theke. „Ich saß mit einem Freund in einer Kneipe, diskutierte über meine Sammlung und nach dem vierten, fünften Kölsch sagte er: ‚Mach doch ein Archiv‘ “, erinnert Schumacher. „Und ich dachte: ‚Archiv? Klingt super! Vielleicht bringen dann sogar andere Menschen ihre Raritäten vorbei‘.“

Den 46-jährigen Schumacher, dessen Zungenschlag schon nach wenigen Worten den geborenen Rheinländer verrät, treffe ich in einem weißen, einstöckigen Gebäude direkt neben dem Kölner Karnevalsmuseum und in Spuckdistanz zu den legendären EMI-Aufnahmestudios. Hinter einer unscheinbaren Tür hat er ein Paradies für Musikliebhaber aufgebaut: Das „Musikarchiv NRW“. Um die 15.000 Tonträger hat Schuhmacher hier in den letzten Jahren zusammengetragen, darunter Erstpressungen, Goldene Schallplatten, unveröffentlichte Tapes und Konzertmitschnitte. Hinzu kommen etwa 200.000 Fotos, Konzertplakate, Presseclips, Partituren, Fotos, Backstagepässe und Künstlerverträge.

Schon im Flur, den Schumacher zu einer kleinen Ausstellungsfläche eingerichtet hat, wird man hineingesogen in die Vielfalt der Sammlerstücke. Ein unveröffentlichtes Kraftwerk-Interviewtape und eine von Karlheinz Stockhausen signierte Schallplatte sind zu sehen. Das ikonische Eingangsschild des Kellerclubs „Basement“, in dem Joy Division ihren ersten Deutschlandauftritt hatten und Wolfgang Niedecken von „Major“ Heuser auf dem Klo angesprochen wurde, ob BAP nicht einen echten Gitarristen gebrauchen könnten, steht in der Flurecke. Die zwei angrenzenden Räume sind bis zur Decke vollgestellt mit Regalen voller Vinyl-Seltenheiten, Fotokisten und Tonbändern. Über einer Zwischentür hängt ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1979 mit dem Titel „Köln wird Musikstadt“, gemeinsam verfasst von Tommy Engel (Bläck Fööss) und Holger Czukay (Can). Im Raum dahinter lagern Bestände, die Musikkennern Tränen des Glücks in die Augen treiben: vom nahezu lückenlosen Nachlass des Big Band-Leaders Günter Noris über die persönliche Sammlung des Bluesmusikers Richard Bargel bis zu jahrzehntealten Liveaufnahmen von Peter Herbolzheimer sowie Masterbändern und Sonderpressungen diverser nordrhein-westfälischer Labels.

Dass es Schumacher gelungen ist, eine solch spektakuläre Sammlung zusammenzutragen, hat etwas mit seiner unbändigen Leidenschaft für die Musikgeschichte des Bundeslandes zu tun, aber auch mit seiner engen Vernetzung zur nordrhein-westfälischen Musikszene. Schumacher wuchs, so sagt er, im Theater seiner Eltern auf. Sie leiteten das „Luna“ in Köln, in dem Künstler wie Tom Gerhardt oder Hella von Sinnen erste Auftritte absolvierten. Seinem Vater konnte er beim Schneiden von Tonbändern für die Showmusiken über die Schulter blicken. Ab und zu durfte er helfen oder Verfolger fahren. So rutschte er in die Theater- und Tontechnik hinein, begann für Konzerte zu mischen, spielte selbst in einer Band und wurde mit 18 Jahren Roadie der Zeltinger Band. Als selbstständiger Soundengineer, Bühnenbauer, Beleuchter, Techniker und Roadie war er zum Teil an 280 Tagen im Jahre auf Achse. Vom riesigen Festival zu einer Veranstaltung mit 60.000 Kindern bei 40 Grad Sonne im Gruga-Park, vom Bühnenbrand bis zu Gala- und Fernsehveran-staltungen hat er alles erlebt. „Und immer habe ich von unterwegs Andenken mitgebracht, Vinylplatten, Autogrammkarten, Poster“, erzählt er. „Das Meiste natürlich aus NRW.“ Diese Mitbringsel sind der Grundstock für die Sammlung, dann kommen Nachlässe und Geschenkgaben aus der Musikszene hinzu. 2009 gründet er auf eigene Faust zunächst das „Musikarchiv Köln“, später erweitert er das Sammlungsgebiet auf ganz Nordrhein-Westfalen und zieht nach langer Suche in die jetzigen Räumlichkeiten. Hier können Interessierte jederzeit das Archiv besuchen. Mit Ausstellungen und einem jährlichen Tag der offenen Tür trägt er seine Exponate in die Stadt. Für Musikhistoriker, Journalisten, Wissenschaftler und Musikfans ist das Archiv zu einer unschätzbaren Quelle von Wissen geworden. (Ein weiteres Porträt über einen privaten Kurator der Popgeschichte gibt es übrigens hier zu lesen.)

Vor wenigen Tagen hat Schumacher in 35 Umzugskisten den Nachlass des Jazz-Fotografen und -Filmers Wolfgang Weiss erhalten. Aus seinen Augen blitzt eine Mischung aus Fan-Euphorie und Erschauern angesichts der schieren Menge, als er auf den Berg aus Kartons zeigt. „Das ist alles unverzichtbare Musikgeschichte“, sagt er und man spürt, dass es ihm weh tut, selbst als Archiv-Chef aus Platzgründen nicht alles Bewahrenswerte behalten zu können: Was er aussortiert, ist in der Regel fort für immer.

Das Erhalten wiederum ist eine herausfordernde und kräftezerrende Tätigkeit. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, sagt er. „Was man jetzt nicht sichert, ist irgendwann endgültig weg.“ Fotografien und Zeitungsausschnitte vergilben, Tonbändern zerfallen, Zeitzeugen, die Hintergrundinformationen liefern können, versterben. Zehntausende von Aufnahmen und Materialien hat er noch nicht digitalisieren können, dafür fehlen ihm Zeit, Geld und Mitarbeiter. Zwar gehen ihm einzelne freiwillige Helfer hier und dort zur Hand. Im Kern aber ist Schumacher Einzelkämpfer, der mit unermüdlichem Einsatz und weitgehend ehrenamtlich darum kämpft, das Musikerbe für die Nachwelt zu erhalten. Lange schon geht es nicht mehr darum, der privaten Musiksammlung einen Platz zu verschaffen. Mittlerweile bewahrt Schuhmacher Musikgeschichten eines ganzen Bundeslandes.

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